7Fragen: Julia Grishchenkova von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit über aktuelle Projekte des deutschen Bundesunternehmens in Russland

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© Moskauer Büro der GIZ GmbH

Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ GmbH) ist ein deutsches Bundesunternehmen und unterstützt Auftraggeber aus unterschiedlichsten Bereichen darin, politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen gemeinsam zu realisieren. In Russland sind 20 Mitarbeiter vor Ort tätig.

Im Interview spricht die Leiterin der Repräsentanz in Moskau, Julia Grishchenkova, mit uns über konkrete Projekte in Russland, welche Herausforderungen im täglichen Doing auftachen und was für Sie die Tätigkeit so spannend macht.

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1. Womit beschäftigt sich die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ GmbH) generell und wie ist sie aufgestellt?

Die GIZ hat mehr als 50 Jahre Erfahrung in den unterschiedlichsten Feldern, von der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung über Energie- und Umweltthemen bis hin zur Förderung von Frieden und Sicherheit. Das vielfältige Know-how des Bundesunternehmens GIZ ist weltweit gefragt – von der deutschen Bundesregierung, Institutionen der Europäischen Union, den Vereinten Nationen, der Privatwirtschaft und Regierungen anderer Länder. Als Dienstleister der internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung und internationalen Bildungsarbeit kooperiert die GIZ mit Unternehmen, zivilgesellschaftlichen Akteuren und wissenschaftlichen Institutionen und trägt so zu einem erfolgreichen Zusammenspiel von Entwicklungspolitik und weiteren Politik- und Handlungsfeldern bei.

Die GIZ hat ihren Sitz in Bonn und Eschborn bei Frankfurt am Main. Außerdem hat das Unternehmen etwa 90 Standorte weltweit – entweder in gemeinsamen Landesbüros der deutschen Entwicklungszusammenarbeit oder eigene Büros. Von mehr als 20.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in rund 120 Ländern sind fast 70 Prozent als Nationales Personal vor Ort tätig. Die alleinige Gesellschafterin der GIZ ist die Bundesrepublik Deutschland.

2. Seit 1993 sind Sie in Russland aktiv. Welchen Themengebieten widmen Sie sich hier schwerpunktmäßig?

Die GIZ in Russland war bereits in unterschiedlichsten Feldern aktiv. Themen wie zum Beispiel Berufsbildung, Finanzwesen, medizinische Versorgung oder wirtschaftliche Kooperationen standen im Laufe der Jahre im Fokus unserer Tätigkeit. Der aktuelle Schwerpunkt liegt jedoch im Bereich des Umwelt- und Klimaschutzes. Hierzu hat die GIZ in Russland, neben den zwei großen laufenden Projekten zur Einführung von besten Verfügbaren Techniken und der klimafreundlichen Abfallwirtschaft, Vorhaben zur Harmonisierung von Umweltstandards, Einführung von Umweltmonitoringdaten in russische Wirtschaftsprozesse implementiert.

3. Sie arbeiten in Projektform. Wie erfolgt die Projektauswahl?

Ursprünglich war die Arbeit der GIZ auf die Unterstützung der deutschen Minderheit in Russland im Auftrag des Bundesministeriums des Innern (BMI) ausgerichtet. Später kamen Aufträge der Europäischen Kommission hinzu, bei denen es sich um die Teilnahme der GIZ an diversen Ausschreibungen handelte sowie Aufträge verschiedener Bundesressorts. Bei Letzteren handelt es sich um eine direkte Beauftragung, die auf bilateralen Kooperationsverträgen zwischen Deutschland und Russland fußt. Man kann sagen, dass unseren Projektideen immer eine politische Initiative vorausgeht. Unsere Projekte spiegeln die aktuelle Tagesordnung der bilateralen Kooperation zwischen der Bundesregierung und der Russischen Föderation, zum Beispiel im Bereich des Umwelt- und Klimaschutzes, wieder. Das heißt jedoch nicht, dass die GIZ in Russland keine eigene Kreativität bei der Generierung neuer Projekte an den Tag legt. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Kooperationsformaten und Ideen und haben gegenüber unseren russischen Partnern ein offenes Ohr. Bisher ist es uns stets gelungen, weitere beziehungsweise neue Vorhaben zu entwickeln.

4. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie in der täglichen Arbeit, speziell auch in der Russischen Föderation und wie begegnen Sie diesen?

Als Bundesunternehmen rückt die GIZ deutsche Erfahrung in den Fokus ihrer Tätigkeit und orientiert sich an europäischen und deutschen Vorgaben und Richtlinien. Zugleich werden von unseren Partnern nicht nur theoretische und in Europa gut funktionierende Lösungen, sondern durchaus praxisbezogene, auf den russischen Kontext angepasste Produkte, erwartet. Lösungen, die, wenn auch nicht von Beginn an, jedoch peu à peu weiterentwickelt werden und ihre Funktion nachhaltig entfalten können. Projekttätigkeit ist ein komplexes und vielfältiges Terrain, indem viele unterschiedliche Akteure auf unterschiedlichen Ebenen (internationale/föderale/regionale/munizipale) agieren. Im Laufe einer Reform treffen viele verschiedene Interessen aufeinander wie zum Beispiel die der Wirtschaft, der Wissenschaft und des gesetzlichen Regulators. Unsere Aufgabe ist es, einen effektiven Dialog zwischen allen Beteiligten zu fördern. Der Erfolg eines Vorhabens hängt vor allem davon ab, ob wir die „Pulsader“ der angegangenen Reform im Partnerland fühlen und auf die aktuellen Vorgänge und Ereignisse zeitnah und richtig reagieren.

5. Seit Oktober 2015 bis Ende September 2019 läuft das Projekt „Klimafreundliches Wirtschaften: Einführung von Besten Verfügbaren Techniken in der Russischen Föderation“. Ziel ist es, den Umweltschutz weiter voranzutreiben und russische Unternehmen durch die Implementierung entsprechender Technologien zu einem ökologischeren Wirtschaften anzuhalten. Welche Erfolge konnten bisher erzielt werden und wie werden auch nach Projektende positive Weiterentwicklungen sichergestellt?

Aufgrund der erfolgreichen Zusammenarbeit mit den Partnern sind die Ergebnisse des Projektes seit ihrem Beginn im Oktober 2015 erstaunlich:

  • 9 Rechtsakte und Standards wurden in Kooperation mit russischen Staatsorganen entwickelt;
  • 8 Unternehmen wurden zur Einführung Bester Verfügbarer Umwelttechniken beraten;
  • mehr als 860 Personen nahmen an den Webinaren persönlich oder online teil;
  • 3 Fortbildungsprogramme wurden ausgehend von den Standards des Ministeriums für Hochschulbildung und Wissenschaft zum Thema „Einführung von Besten Verfügbaren Technologien (BVT) in der Russischen Föderation“ erarbeitet;
  • mehr als 200 Personen aus 61 Regionen nahmen an kurzfristigen Qualifizierungslehrgängen in den Jahren 2016 und 2017 teil;
  • 21 Publikationen wurden zu Informations- und Bildungszwecken veröffentlicht;
  • 6 Factsheets und Technologiebeschreibungen wurden basierend auf den BVT-Audits zur Verbreitung von Best-Practice BVT in Russland erstellt.

Die Reform Russlands zur Einführung von BVT hat ihre praktische Umsetzungsphase erreicht. Wir hoffen, dass unsere vielfältigen Projektergebnisse auch weiterhin durch russischen Partner nachhaltig genutzt werden. Als Beispiel können unsere computerbasierten Lehrprogramme genannt werden. Diese sind russlandweit an ausgewählte Partneruniversitäten zur Integrierung in ihre eigenen Lehrmodule übergeben worden. Alle Publikationen, die zu Informations- und Bildungszwecken veröffentlicht wurden, sind auf der Projektwebpage frei zum Download und als Printmedien verfügbar. Wir haben auch einige deutsche Gesetzestexte übersetzt und einem Experten-Team fachlicher Qualitätsprüfung unterzogen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Übersetzung, vielmehr ist es eine Adaptierung bzw. Harmonisierung der deutschen und europäischen Fachtermini mit den russischen. So bleibt die deutsche technische Anleitung zur Luftreinhaltung (TA Luft) mit Blick auf die Regulierung der Industrieanlagen II Kategorie in Russland noch lange aktuell. Das sind Anlagen, die zwar nicht zu den größten Emittenten zählen und keine integrierte Umweltgenehmigung erhalten müssen, dennoch einer staatlichen Regulierung unterliegen.

6. Welche Themenstellungen bearbeiten Sie in Zukunft in Russland?

Umwelt- und Klimaschutz ist ein riesiges Themencluster, dem viele interessante Vorhaben entwachsen können und das wollen wir auch in Zukunft aktiv mitgestalten. Wir werden uns weiterhin aktiv im Rahmen der internationalen Klimaschutzinitiative des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) bewegen und neue Projektideen gestalten. Ferner werden wir uns weiterhin im Bereich der Managerfortbildung und -vernetzung, gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), engagieren. Das deutsch-russische Managerfortbildungsprogramm, das in Russland seit 1998 läuft, bereitet russische Führungskräfte gezielt auf die Geschäftsanbahnung und Wirtschaftskooperationen mit deutschen Unternehmen vor. Auch hier haben wir große Erfolge zu verzeichnen, an die wir anknüpfen und Potenzial dieses Themenclusters weiter ausbauen wollen.

7. Frau Grishchenkova, was fasziniert Sie an Ihrer Tätigkeit?

Es ist schön zu sehen, dass unsere Projektarbeit einen realen Beitrag für eine lebenswerte Zukunft leistet. Alles, was im Rahmen der Projekte geschaffen wird, selbst die kleinste Aktivität, sei es ein runder Tisch, eine Publikation, eine Pilotprojekt oder gar eine Diskussion, trägt zu einem größeren Ganzen bei, das immer auf eine Verbesserung der aktuellen Lage ausgerichtet  ist . Es ist faszinierend zu sehen, wie aus einer Ideenskizze tatsächliche Vorhaben entwickelt werden. Der Weg vom Papier in Form eines Projektangebots zur praktischen Umsetzung in einem Partnerland.


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Julia Grishchenkova ist Leiterin der Repräsentanz der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Moskau.

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