7 Fragen: Lorenz Widmer vom Swiss Business Hub über Schweizer Unternehmen in und Schweizer Exporte nach Russland

Pharma Production

Der Swiss Business Hub in Russia ist die Vertretung der offiziellen internationalen Agentur zur Förderung von Handel und Investitionen Switzerland Global Enterprise (S-GE) in Moskau, Russland. Als Teil der Schweizer Botschaft in Moskau, setzt er die Schweizer Exportstrategien in Russland um und ist die erste Anlaufstelle für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aus der Schweiz und aus Liechtenstein, die sich für den Export in den russischen Markt interessieren. Im Rahmen des Mandats der Schweizer Regierung (Staatssekretariat für Wirtschaft, SECO) arbeitet der Hub eng mit regionalen und kantonalen Wirtschaftsförderungsstellen in der Schweiz zusammen.


1. Wie steht es aktuell um die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Russland?

Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen haben sich in den letzten beiden Jahren positiv entwickelt. Für Schweizer Qualitätsprodukte und Technologien bleibt der russische Markt interessant. Die Schweizer Exporte sind sowohl 2017 als auch 2018 zweistellig gewachsen. So exportiert die Schweiz heute für rund 2,5 Milliarden US-Dollar nach Russland, was 80% des Vorkriesenniveaus von 2013 entspricht. Wir spüren diese Erholung auch bei der Hauptklientel des Swiss Business Hub, den KMU, welche in letzter Zeit wieder vermehrt den Markteintritt in Russland in Angriff nehmen.

Die Schweiz exportiert in erster Linie Erzeugnisse aus den Kategorien (1) pharmazeutische Erzeugnisse; (2) Maschinen, Apparate und Elektronik; sowie (3) Präzisionsinstrumente, Uhren, und Bijouterie. Ein ähnlich positives Bild präsentiert sich auch bei der Investitionstätigkeit von Schweizer Firmen in Russland. Diese hat in den letzten beiden Jahren netto ebenfalls einen Zuwachs von je rund 10% verzeichnet und die Schweiz ist heute unter den Top 10 der der wichtigsten Investoren in Russland nach kumuliertem Stand der Direktinvestitionen.

2. In welcher Form unterstützt der Swiss Business Hub Schweizer Unternehmen beim Auf- und Ausbau einer Geschäftstätigkeit in Russland?

Wir unterstützen Unternehmen aus der Schweiz und aus dem Fürstentum Liechtenstein in den folgenden drei Bereichen

  • Marketing Services: Industrieanalysen, Trendspotting, maßgeschneiderte Marktstudien, Kompatibilitätstests etc.
  • Partner Search: Profiling und Identifizierung von Distriubtoren, Agenten, Importpartnern etc.
  • Promotional Events: Messeauftritte und andere gemeinsame Veranstaltungen zur Promotion der Produkte unserer Firmen, z.B. sogenannte Swiss Days, welche wir jährlich in einer neuen Stadt in Russland durchführen (dieses Jahr in Kazan).

Grundsätzlich arbeiten wir eng mit privaten Partnern zusammen, d.h. spezialisierte Dienstleister, an welche wir Aufträge oder Teile davon weitergeben. Diese Firmen sind auf unserer Expert Directory (www.s-ge.com/en/service/expert-directory) zugänglich.

3. Inwieweit profitiert die Schweiz Ihrer Meinung nach dadurch, dass sie gegen die Russische Föderation im Gegensatz zu anderen Ländern keinerlei direkte Sanktionen erlassen hat und dementsprechend auch nicht von Gegensanktionen betroffen ist? Sind beispielsweise die Exporte von Schweizer Käse nach Russland gestiegen?

Diesen Effekt gibt es in vereinzelten Nischen, er ist jedoch gesamtheitlich betrachtet unbedeutend. Wenn Sie sich die wichtigen Exportgüter der Schweiz anschauen, die ich weiter oben erwähnt habe, dann sehen Sie, dass diese von den russischen Gegensanktionen nicht betroffen sind.

Der Käse ist hier eine Ausnahme: Tatsächlich haben die Käseexporte von USD 5 Million im Jahr 2013 auf USD 25 Millionen im Jahr 2018 zugelegt. In Bezug zu den erwähnten Gesamtexporten von USD 2,5 Milliarden macht das heute jedoch lediglich rund ein Prozent aus. Die Schweiz hat auch keine spezifischen Maßnahmen getroffen, um die Ausfuhr von Agrarerzeugnissen nach Russland zu fördern. Viel wichtiger ist für unsere Firmen, dass sie langfristig auf eine stabile und glaubwürdige Politik der Schweiz zählen können.

4. Die Schweiz war 2017 laut Global Innovation Index von INSEAD das innovativste Land der Welt. Was ist aus Ihrer Sicht ursächlich für dieses Ergebnis und in welchen Industrien wird die Innovationskraft der Schweizer besonders deutlich?

Dieser Erfolg nährt sich aus der Präsenz renommierter Forschungsinstitutionen sowie der Fähigkeit, Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte umzusetzen. Eine wichtige Rolle spielen sicher auch günstige Rahmenbedingungen im Bereich des geistigen Eigentums. Schließlich möchte ich das duale Bildungssystem nicht unerwähnt lassen. Es ermöglicht eine gute Verfügbarkeit von technischem Fachpersonal (Laboranten, Informatiker, Polymechaniker etc.), das in Hochtechnologiesektoren eine zentrale Rolle einnimmt. Ein Drittel des Schweizer Fachpersonals im Bereich F+E wird über diesen nicht­universitären Weg ausgebildet.

In der Schweiz befinden sich gleich mehrere Branchencluster, die auch international von Bedeutung sind. Dazu gehört sicher die Cluster (1) Life Sciences: Chemie/Pharma, Biotech und  Medizintechnik, (2) Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, (3) Informations- und Kommunikationstechnologie, sowie (4) Cleantech.

Swiss Machinery MEM

5. Welche Erfolgsgeschichte des Exports eines Schweizer Produkts nach Russland hat Sie besonders beeindruckt?

Es gibt viele tolle Schweizer Produkte, welche heute aus Russland nicht mehr wegzudenken sind.Anstelle eines spezifischen Produkts möchte ich mich lieber einen Sektor erwähnen, welcher die Innovationskraft, Flexibilität und Qualität von Schweizer Lösungen illustriert. Ein solcher Sektor par Excellence sind die Technologien und Maschinen welche als Investitionsgüter bei der Produktion von pharmazeutischen Erzeugnissen Verwendung finden. Hier hat die Schweiz in Russland einen ausgezeichneten Namen und bietet technische Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette an.Dies beinhaltet Dinge wie die Aufbewahrung von Wirkstoffen, deren Verarbeitung, Verpackung bis hin zu Lösungen für Track & Trace, das Sicherstellen der Echtheit der Produkte. Hier bieten sich eine Vielzahl von Opportunitäten oder Nischen für unsere Firmen, welche diese erfolgreich nutzen.

Die Vielfalt des schweizerischen Angebots diesem Bereich wird diesen November auf der Messe Pharmtech&Ingredients (https://pharmtech-expo.ru/Home) in einem Schweizer Pavillion dem Fachpublikum zugänglich gemacht.

Pharmtech and Ingredients 2018

6. In welchem Bereich sehen Sie die größte Herausforderung im Rahmen Ihrer Tätigkeit als Leiter des Swiss Business Hub Russia?

Die grösste Herausforderung ist für uns momentan, dass der russische Markt seine frühere Wachstumsdynamik eingebüßt hat. Man kann das Glas aber auch halbvoll sehen und festhalten, dass Russland makroökonomisch sehr solide dasteht und auch ohne hohe Wachstumsraten ein europaweit bedeutender und interessanter Markt für eine Vielzahl von Anbietern aus der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein bleibt.

7. Was gefällt/missfällt Ihnen persönlich an der Geschäftstätigkeit in Russland?

Ich schätze mich sehr glücklich, durch meine Arbeit mit einer großen Anzahl von inspirierenden Unternehmern sowohl aus unserem Heimmarkt als auch aus Russland in Kontakt zu sein. In Russland finde ich insbesondere die enorme Diversität – geographisch, kulturell etc. – interessant und herausfordernd. Was mir missfällt? Na ja, die großen Distanzen sowohl innerhalb Moskaus als auch im Land können bisweilen etwas ermüdend sein, aber sie machen schlussendlich auch einen wichtigen Teil meiner Faszination für dieses eindrückliche Land aus.


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Lorenz Widmer Schlaufer ist seit 2017 der Head of Swiss Business Hub Russia.
Zuvor war er als Senior Economist und Program Manager beim Staatssekretariat für Wirtschaft SECO in Bern tätig.

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