Digitalisierung im Gesundheitswesen in Russland und der Schweiz

Ein Überblick über die Digitalisierungsinitiativen im Schweizer und russischen Gesundheitswesen


Gesundheit und Technologie treiben sich gegenseitig zur Innovationsleistung an. Die Schweiz, als starker Standort in beiden Bereichen, prüft und erstellt eine Dossierlösung für elektronische Patientendaten (EPD) auf Bundesebene. In Russland wird in Telemedizin, Diagnostik und Screening investiert und das Gesetz bereits für die digitale Zukunft angepasst.

Während in der Schweiz eine bis 2020 umzusetzende Bundesstrategie die Einführung des EPD unterstützt wird, gibt es in 83 Regionen der Russischen Föderation bereits medizinische Informationssysteme. In Moskau beispielsweise ist seit 2013 ein zentrales “Einheitliches Medizin Informations- und Analysesystem” namens EMIAS in Betrieb. Alle Polikliniken der Stadt sind an das an EMIAS angeschlossen und das System stellt Nutzern Funktionen wie Terminvereinbarung oder die Ausstellung eines Krankheitszeugnisses zur Verfügung.


Weitere Plattformen sind Medarchiv, ein Programm für Ferndiagnose und Fernkonsultationen oder Alive Heart and Activity Monitor, ein Projekt, das in Zusammenarbeit zwischen der australischen Alive Technologies und der Staatlichen Universität Moskau entwickelt worden ist. Das System wird zur Überwachung bei chronischen Krankheiten und der Überwachung der Patienten-Fitness eingesetzt. 

Obwohl die Technologieakzeptanz in der Schweiz sehr hoch ist, ist der Digitalisierungsgrad im Gesundheitswesen noch gering, insbesondere in kleineren Arztpraxen, bei Hausärzten, Zahnärzten oder Privatpraxen. Allerdings gibt es bereits sowohl private als auch öffentliche Initiativen, die sich mit der Entwicklung von Patientendatenlösungen in den Sektor einbringen wollen. Für eine effiziente Umsetzung sind ein Standard sowie eine einfache Übertragbarkeit unter Einhaltung der Datenschutzgesetze im In- und Ausland unerlässlich.

Die digitale Speicherung gesundheitsbezogener Daten, zugänglich über das Internet, ist zweifellos sinnvoll. Für die Patienten sind die Vorteile evident. Die digitale Speicherung würde beispielsweise ständigen Zugang zum Impfpass und zu Gesundheitsdaten bei allen Ärzten ermöglichen, ohne dass ein physisches Dokument mitgeführt werden müsste. Auch im Falle eines Unfalls könnten die zuständigen Ärzte sofort auf relevante Informationen, beispielsweise Allergien gegen bestimmte Medikamente oder andere Gesundheitszustände des Patienten, zugreifen. Die Speicherung solch sensibler Daten bringt unweigerlich die Anforderung an eine sichere Verwahrung mit sich.


Die Schweizer E-Health-Strategie

Die Schweiz hat eine E-Health-Strategie auf Bundesebene, allerdings schreitet die Umsetzung bisher nur langsam voran. Das ist vor allem bedingt durch Hindernisse, die innerhalb des geplanten Zeitrahmens nur schwer zu überwinden sind. Seit 2017 ist die nationale E-Health-Strategie in Kraft und ab 2020 sollten alle Spitäler ein elektronisches Patientendossier anbieten. Doch bei Ärzten und Patienten stößt die Strategie auf Unsicherheit und Skepsis. Laut der PWC-Studie Future Health von 2018 befürchteten 77% der Studienteilnehmer ein erhöhtes Risiko der Datensicherheit durch neue Technologien. Um diese Defizite zu überwinden und Vertrauen in die neue Technologie zu schaffen, bedarf es wiederum weiterer öffentlicher Initiativen, die vom Staat unterstützt oder angetrieben werden.

Von der bisher mangelnden Informationsverbreitung profitiert vor allem die Medizinbranche, weil eine transparente Preisfindung erschwert wird. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Kosten der Krankenversicherungen und die Gesundheitskosten in der Schweiz steigen. Laut einer Interpharma-Studie aus dem Jahr 2018 steigen die Kosten sogar schneller als das Wachstum des BIP (inflationsbereinigt).


Rechtliche Anpassungen in Russland

Im Januar 2018 trat in Russland ein Telemedizingesetz in Kraft. Bereits 81.000 Telemedizinische Leistungen wurden im ersten Jahr genutzt, davon die meisten für die Kommunikation von Arzt zu Arzt. Nebst Ärzten und Patienten, werden in St. Petersburg auch die Ambulanzen digital erfasst und verwaltet. Damit können Routen effizienter geplant und Patienten schneller in die Kliniken transportiert werden. Das System berücksichtigt eine umfassende Anzahl an Faktoren, unter anderem die saisonale Nachfrage nach Behandlungen, die Mobilität der Bevölkerung und die Auslastung der Gesundheitsinstitutionen.  


Seit 2018 können Rezepte für Medikamente in Russland digital ausgestellt, mit einer verifizierten Unterschrift des Arztes signiert und direkt und die Apotheke zugestellt werden.


Ausblick Technologie

Neue Technologien wie Blockchain oder künstliche Intelligenz bieten interessante Entwicklungsmöglichkeiten für die Gesundheitsindustrie. Die dezentrale und hochsichere Speicherung von Patientendaten auf einer Blockchain könnte die Sicherheitsbedenken ausräumen. Künstliche Intelligenz und lernende Algorithmen können zur Diagnose und Vorhersage beitragen. Ansätze davon werden schon für die Analyse von digitalen Röntgenbildern oder in der pharmazeutischen Forschung verwendet.

Ebenfalls vielversprechend sind Bildungsinitiativen, bei denen Systeme der virtuellen und der erweiterten Realität zur Ausbildung von Ärzten verwendet werden. Somit können in Zukunft Ärzte auf der ganzen Welt von den besten Vertretern ihres Fachs lernen.


Rechtliche Hürden

Zentral in einer konventionellen Datenbank oder dezentral in einer Blockchain gespeichert, die Sensibilität der Gesundheitsdaten erfordert höchste Standards und eine ausgeprägte Sorgfalt im Umgang damit. Laut Dr. Ursula Widmer, Mitglied der vom Bundesrat eingesetzten Expertenkommission zur Zukunft der Datenbearbeitung und Datensicherheit, ist die Sicherstellung des Arztgeheimnisses und der Behandlung sensibler medizinischer Daten beim Hochladen in eine Cloud-Datenbank unklar, insbesondere wenn der Hosting-Dienst im Ausland liegt. Viele Anbieter von Cloud Computing und Cloud Storage haben ihren Sitz in den USA. Die Unterschiede in den Datenschutzgesetzen und dem geologischen Standort der Speicherlösung können in Zukunft zu unvorhergesehenen Problemen führen; noch mehr in einem dezentralen System wie einer öffentlichen Blockchain, in dem Daten unveränderlich und geografisch verteilt gespeichert werden.


Was bringt die Zukunft?

Sowohl die Schweiz als auch Russland befinden sich im Wandel zum „digitalen Gesundheitswesen“ und bewegen sich damit innerhalb eines globalen Trends.

Für Innovatoren von ausserhalb der Gesundheitsbranche existieren interessante Chancen und Nischen im Markt, jedoch sind landesweite Initiativen unumgänglich, um eine flächendeckende E-Health-Einführung sicherzustellen. Die Kombination neuer Technologien mit sicherer Datenspeicherung und umfassendem gesetzlichen Schutz könnte einen fruchtbaren Boden für E-Health und eine erfolgreiche Umsetzung elektronischer Patientendossiers in der Schweiz bilden. In Russland werden weitere Dienste aufkommen und die Umsetzung der Digitalisierung auch in der Peripherie vorantreiben.

Zentral sind bei allen Initiativen die Steigerung von Effizienz, Mehrwert und Komfort für den Patienten und Kostensenkung für alle beteiligten Parteien.



Über die Autoren

Die Autoren Polina Starinchikova und Yannick Zehnder sind Mitarbeiter der QUORUS GmbH mit Sitz in Zürich und Moskau.

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