Mobilitätskonzepte, Industrie 4.0 und erneuerbare Energien in Russland – 7 Fragen an Maxim Shakhov von Schaeffler Russland


Über die Schaeffler Gruppe

Die Schaeffler Gruppe ist ein global tätiger Automobil- und Industriezulieferer. Mit Präzisionskomponenten und Systemen in Motor, Getriebe und Fahrwerk sowie Wälz- und Gleitlagerlösungen für eine Vielzahl von Industrieanwendungen leistet die Schaeffler Gruppe einen entscheidenden Beitrag für die „Mobilität für morgen“. Im Jahr 2018 erwirtschaftete das Technologieunternehmen einen Umsatz von rund 14,2 Milliarden Euro. Mit zirka 92.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist Schaeffler eines der weltweit größten Familienunternehmen und verfügt mit rund 170 Standorten in über 50 Ländern über ein weltweites Netz aus Produktionsstandorten, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und Vertriebsgesellschaften. Mit mehr als 2.400 Patentanmeldungen im Jahr 2018 belegt Schaeffler laut DPMA (Deutsches Patent- und Markenamt) Platz zwei unter den innovativsten Unternehmen Deutschlands. Bereits Oktober 2014 eröffnete Schaeffler die erste Produktion in  Uljanowsk , Russland.



1. Ihr Unternehmen bietet für den Automotive Aftermarket Ersatzteile in höchster Qualität. Inwieweit bietet die Tatsache das Schaeffler ein deutsches Unternehmen ist einen Wettbewerbsvorteil gegenüber russischen Konkurrenten?

Unsere russischen Kunden schätzen deutsche Marken durchaus. Sie verbinden damit häufig Qualität und Ingenieurskunst. Schaeffler und unsere Produktmarken stehen, unabhängig vom Produktionsort, für höchste Qualität ohne Kompromisse.  Das gilt auch für Ersatzteile, die in unserem Werk in Ulyanowsk produziert werden. Gerade diese hohen Qualitätsstandards führen zu der großen Wertschätzung unserer Marke, die wir bei russischen Konsumenten genießen und tragen damit maßgeblich zu unserem Erfolg bei.


2. Damit Verbraucher Originalersatzteile von Imitaten unterscheiden können hat Schaeffler den Authenticity Check eingeführt. Wie relevant ist das Thema Plagiat in Russland?

Je beliebter eine Marke, desto mehr Leute versuchen, sie zu kopieren oder zu fälschen. Das Problem erleben wir nicht nur im Automotive Aftermarket, sondern auch in industriellen Anwendungen, wo Wälzlager sehr teuer sein können. So entsteht ein starker wirtschaftlicher Stimulus, billige, gefälschte Lager zu produzieren und dann als Schaeffler Lager zu verkaufen. Um den Käufer bei der Echtheitsprüfung zu unterstützen hat Schaeffler Instrumente wie die Authenticity Check App im Automotive Aftermarket für alle Ersatzteile im Automotive Bereich und die OriginCheck App speziell für die Prüfung von Wälzlagern aus dem Industriebereich entwickelt. Grundlage für die Prüfung bildet die Kennzeichnung der Schaeffler-Verpackungen mit Data-Matrix-Codes, die sich zurückverfolgen lassen. Die Apps können einfach auf ein Smartphone geladen werden. Mittels Scan des QR Codes lässt sich ermitteln, ob es sich um Originalteile oder Fälschungen handelt.


3. Laut der Schaeffler Website entsteht besonders in China und Europa ein Markt für rein batterieelektrische Fahrzeuge. Wie steht es um die Elektromobilität in Russland, gerade bezüglich der Infrastruktur und der Einstellung der Russen gegenüber elektrischen Fahrzeugen?

Derzeit ist der Markt für solche Fahrzeuge noch klein. Besonders im PKW Bereich gibt es so gut wie keine elektrischen Fahrzeuge in Russland, da es keine Vergünstigungen oder Subventionen seitens der Regierung gibt und die Abgasnormen – in Russland gilt noch Euro 5 – nicht reglementiert sind. Es existiert also kein Druck oder größerer Anreiz für russische Konsumenten ein batteriebetriebenes Fahrzeug zu kaufen. Allerdings macht sich gerade bei der jüngeren Generation ein größeres Interesse an elektrischen Fahrzeugen bemerkbar.

Im Gegensatz zum Bereich PKW gibt es im öffentlichen Nahverkehr in Russland verschiedene Programme für Elektromobilität. Lokale Hersteller versuchen bereits, batteriebetriebene Fahrzeuge für die öffentliche Nutzung in der Stadt herzustellen. Die Elektromobilität in diesem Sektor bietet in Russland große Chancen für Unternehmer.

Grundsätzlich favorisieren wir als Unternehmen eine technologieoffene Herangehensweise an neue Mobilitätskonzepte. Wir sind jedoch überzeugt, dass die Elektrifizierung von Fahrzeugen weltweit kommt und immer stärker kommen wird. Neben der weiteren Optimierung der Benzin- und Dieseltechnologie entwickelt Schaeffler deshalb kontinuierlich neue Lösungen für Hybridfahrzeuge und für rein batteriebetriebene Fahrzeuge und investiert gezielt in neue Mobilitätskonzepte.


4. Neue Mobilitätskonzepte sind gerade in den Metropolen extrem wichtig. Welche Mobilitätskonzepte spielen Ihrer Meinung nach für Moskau eine Rolle und welchen Bedarf gib es im ruralen Russland?

In der Metropole Moskau sehen wir wie stark neue Mobilitätskonzepte entwickelt und unterstützt werden. Es gibt Roller, E-Scooter und Fahrräder zu mieten, Carsharing in Moskau boomt und ist viel verbreiteter als in anderen Ländern. Sobald die russische Regierung bereit ist, Mobilitätskonzepte zu unterstützen, verbreiten sie sich auch in Moskau sehr schnell.

Im ländlichen Russland muss man vor allem die Distanzen beachten. Russland ist das größte Land der Welt und es gibt viele Streckenabschnitte weitestgehend ohne Infrastruktur. Deshalb ist es enorm wichtig, dass die Reichweite angebotener Transportmittel groß ist. Wir glauben, dass sich der öffentliche Verkehr in Russland, besonders der Schienenverkehr, in Zukunft stark weiterentwickeln wird. Schaeffler bietet in diesem Bereich verschiedene Lösungen und stellt bereits Lager für die Hochgeschwindigkeitszüge her, die auf der Strecke zwischen Moskau und St. Petersburg fahren.

Aber auch im automobilen Transport wird weiter zur Mobilität beigetragen werden. Bekanntlich sind die Straßen in Russland sehr schlecht und Investitionen in bessere Straßen werden immer wichtiger. Gleichzeitig ist es von enormer Bedeutung, für die existierenden Verkehrswege geeignete und qualitativ hochwertige und langlebige Teile, beispielsweise Radlager, herzustellen und somit längere Betriebszeiten von Autos und LKWs zu gewährleisten. Wie bei Schaeffler.


5. Industrie 4.0 gewinnt in Russland zunehmend an Bedeutung. Im Land gibt es viel Potential und Nachholbedarf, so dass die Regierung eine Reihe von Initiativen gestartet hat, um die heimische Industrie zu modernisieren. Wie beteiligt sich Schaeffler an der Digitalisierung der Industrie und welche von Schaeffler angebotenen Lösungen sind in Russland besonders gefragt?

Bereits heute ist eine Vielzahl von Industrie 4.0-Produkten und -Lösungspaketen in unterschiedlichen Projektstadien bei Kunden im Einsatz. Im nächsten Schritt wird Schaeffler diese Erfahrungen nutzen, um das Angebot Plattform-basierter Produkte weiter auszugestalten und so flexibel und schnell auf Kundenbedürfnisse reagieren zu können. Russland ist hier, im Gegensatz zu Deutschland oder anderen Ländern Europas, bei weitem nicht so weit. Kernkompetenzen liegen eher in anderen Bereichen. Trotzdem sind die Unternehmen daran interessiert, Kosten zu verringern und auch die Qualität der Produkte zu erhöhen. Die meisten russischen Hersteller haben verstanden, dass die Zukunft nicht nur im russischen Binnen-Markt liegt und möchten exportieren. Dazu müssen entsprechende Qualitätsstandards eingehalten werden und Lösungen mit Sensoren zur Diagnostik sind daher sehr gefragt.

So gibt es bereits staatliche Initiativen zur Förderung der digitalen Transformation. In Skolkowo, dem Forschungs- und Industriepark im Westen Moskaus, wurde z.B. ein Programm für digitale Transformation eingeführt, in dem Studenten für die Digitalisierung von großen Konzernen ausgebildet werden. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Schaeffler ist im ständigen Kontakt mit Skolkowo – die Studenten haben erst vor kurzem unsere Werke in Schweinfurt und Herzogenaurach besucht, um sich zu diese und anderen Themen auszutauschen.


6. Schaeffler entwickelt auch Produkte für Kraftwerke von erneuerbaren Energien. Wie gefragt sind solche Produkte in Russland? Spielen Ihre Lösungen für die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen eine Rolle?

Russland investiert vermehrt in Technologien für erneuerbare Energien. Ein Programm zur Förderung dieser Technologien wurde initiiert – vor allem Windenergie spielt hier eine wichtige Rolle. Der Staat unterstützt dabei diejenigen Energiebetreiber die in Russland hergestellte Komponenten, wie beispielsweise Generatoren, installieren und in neuen Kraftanlagen verbauen. Auch hier geht es in Russland um Lokalisierung.

Die erste Runde des Programms ist bereits abgeschlossen und wird voraussichtlich verlängert. Durch diese staatliche Förderung wird der Markt besonders interessant. Es schafft Anreize für Wachstum und erhöht die Nachfrage. Für Schaeffler als einen der weltweit führenden Hersteller für Lagerungen für Windkraftanlagen bietet das Programm gute Chancen.


7. Sie lebten selbst einige Jahre in Deutschland. Welche Unterschiede sind für Sie besonders deutlich zwischen „Doing business in Russia“ vs „Doing business in Germany“? Welchen Tipp würden Sie anderen Unternehmern auf den Weg geben, um ihr Unternehmen in Russland erfolgreich zu leiten?

Viele Dinge gestalten sich in Russland einfach anders, was nicht unbedingt mit großen Unterschieden in der Mentalität zu tun hat, sondern eher mit der ökonomischen Realität.

Beispielsweise stehen Kapitalkosten und Kosten von Arbeitskräften in Russland in einem anderen Verhältnis zueinander. Genauso ist es mit Energiekosten: Energiekosten sind in Russland deutlich niedriger und Gas ist dabei viel günstiger als elektrischer Strom, während Kosten für Gas und Strom in Deutschland vergleichbar sind. Man muss deshalb einfach ein bisschen umdenken und diese Unterschiede berücksichtigen, wenn man ein tragbares ökonomisches Modell entwickeln möchte.

Auch Gesetze und Regulierungen sind teilweise anders. Deutsche Standards lassen sich selten einfach auf Russland übertragen. Was in Deutschland gilt und gemacht wird, muss nicht auch in Russland gelten. Man braucht lokale Experten, weil die Gesetzgebung sich oft unterscheidet.


Über Maxim Shakhov

Seit Juni 2017 ist Maxim Shakhov CEO der Schaeffler-Gruppe in Russland. Zuvor was er bei  Du Pont und Vaillant in Deutschland und Russland tätig und übernahm der Manager 2016 die Funktion des Unternehmenschefs bei der Bionovatic Group, ein russisches Start-up der Biotechnologie. Maxim Shakhov ist studierter Ingenieur und Master of Business Administration mit langjährigen Erfahrungen im russischen und deutschen Markt.

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