Recruiting & Arbeitsmarkt in Russland und Chancen für Unternehmen trotz Sanktionen – 7 Fragen an Christian Tegethoff von CT Executive Search

Im Interview beantwortet Christian Tegethoff, Geschäftsführer von CT Executive Search, 7 Fragen zum Thema Recruiting in Russland, die Bedürfnisse russischer im Vergleich zu deutschen Unternehmen im Bezug auf Kandidaten, den russischen Arbeitsmarkt und dessen Attraktivität für Expats aus aller Welt. Des weiteren nennt er die Voraussetzung für den Erfolg in Russland und erklärt das Konzept der „Lokalen Expats“. Schließlich werden die Sanktionen thematisiert, warum Russland trotzdem viel Potential für ausländische Firmen bietet und in welchen Bereichen Importsubstitutionen und Lokalisierung Vorteile bieten können.

Über CT Executive Search

CT Executive Search ist eine Personalberatung mit Schwerpunkt auf Osteuropa und den Emerging Markets mit der Kernkompetenz Führungs- und Schlüsselpositionen zu besetzen. Das Research Team des Unternehmens ist in Moskau zentralisiert und unterstützt vor allem internationale Unternehmen bei der Besetzung von Führungspositionen in Russland, Belarus, der Ukraine sowie Zentralasien und den transkaukasischen Republiken. Typische Positionen in der Region sind Geschäftsführer und Repräsentanzleiter, Vertriebs- und Werksleiter sowie administrative Führungspositionen. Außerdem spezialisiert sich CT Executive Search auch auf die Suche nach Expatriates, die als technische Spezialisten oder Manager, in Russischen Unternehmen eingesetzt werden sollen.

1. CT Executive Search spezialisiert sich unter anderem auf die Besetzung von Führungs- und Schlüsselpositionen in Russland. Was ist dabei die größte Herausforderung?

Bei Rekrutierungen in Russland gilt die Grundregel: Je abgelegener der Standort, desto schwieriger ist die Besetzung der Position.

In Moskau und auch in St. Petersburg gibt es inzwischen vergleichsweise viele Kandidaten mit internationalem Hintergrund, so dass Unternehmen auf ein größeres „Reservoir“ zugreifen können. In den meisten Regionen jenseits der Metropolen sind jedoch nur wenige ausländische Firmen vertreten, so dass zur Besetzung von Führungspositionen oft Kandidaten in anderen Städten gefunden werden müssen. Dann hängt es von der Attraktivität des Standorts, des Unternehmens und der zu besetzenden Positionen, wie viele Kandidaten zur Auswahl stehen.

Ein entscheidendes Kriterium bei der Besetzung ist die Frage, inwieweit ein Kandidat in die jeweilige Unternehmenskultur passt. Es erfordert einige Erfahrung, Manager dahingehend einzuschätzen und dem Klienten passende Lösungen anzubieten.

Die Geschäftsführer bzw. Country Manager nehmen eine wichtige Brückenfunktion wahr. Sie sind Repräsentanten der internationalen Firmenkultur in Russland, müssen diese aber gleichzeitig an die Erfordernisse des russischen Marktes anpassen. Gefordert ist deshalb ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz und diplomatischem Geschick, um gleichzeitig den Anforderungen der Firmenzentrale und der oft beschriebenen „russischen Realität“ gerecht zu werden.

Integrität und Vertrauenswürdigkeit sind weitere Schlüsselkriterien. Teil des Besetzungsprozesses ist deshalb die Überprüfung von Kandidatenreferenzen, um hier Überraschungen zu vermeiden.

2. Worin unterscheidet sich der russische Arbeitsmarkt von dem in Deutschland und wie unterscheiden sich die Anforderungen und Bedürfnisse von russischen im Vergleich zu Deutschen Unternehmen, die Vakanzen in Russland besetzen möchten?

Der russische Arbeitsmarkt ist viel dynamischer, die arbeitnehmerseitige Kündigungsfrist beträgt in der Regel 14 Tage, nur in Sonderfällen bis zu vier Wochen. In jedem Fall können Arbeitsplatzwechsel schneller erfolgen als in Deutschland, wo drei- oder sechsmonatige Kündigungsfristen die Regel sind.

In Russland ist die Bereitschaft grundsätzlich höher, den Job zu wechseln, und die Höhe der Vergütung spielt noch immer eine größere Rolle als in Deutschland.

Insgesamt ist das ehemals gefürchtete „Job-Hopping“ in Russland aber deutlich zurückgegangen. Die Krisen und die zurzeit schleppende Konjunktur haben Russland in weiten Bereichen zu einem Arbeitgebermarkt gemacht.  Es gibt deutlich weniger Angebote für Arbeitnehmer als früher, was die Fluktuation automatisch bremst. Angesichts der insgesamt komplizierten Lage schätzen auch russische Führungskräfte zunehmend Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit von Arbeitgebern.

Russische Unternehmen haben es insofern einfacher, als dass sie auf Fremdsprachenkenntnisse und die interkulturelle Passung von Kandidaten verzichten können. Die Personalauswahl konzentriert sich hier eher auf die technisch-fachliche Qualifikation, weniger auf die für westliche Arbeitgeber entscheidenden Soft Skills. Zumindest russische privatwirtschaftliche Unternehmen zahlen dementsprechend auch schlechter, als ausländische Firmen. Dies betrifft auf jeden Fall diejenigen Firmen, die nach marktwirtschaftlichen Kriterien geführt werden.

3. Was macht Russland für Expats zu einem spannenden Lebens- und Arbeitsort?

In den frühen 2000er Jahren war Moskau eines der gefragtesten Ziele für europäische und amerikanische Expatriates, ein Einsatz in Russland galt als fast so karrierefördernd wie eine Station in China. Russland war damals in einer Boomphase, Moskau galt vielen als aufregende Metropole mit hoher Strahlkraft.

Inzwischen ist Russland nicht nur bei vielen Unternehmen in der Prioritätenliste nach unten gerutscht, sondern auch bei den Expatriates. Gründe sind die schwache Wirtschaftsentwicklung sowie die insgesamt negative Presselage im Ausland, die von der Berichterstattung über die politischen Verwicklungen im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise dominiert werden. Die wechselseitigen Sanktionen haben die Wahrnehmung des russischen Marktes ebenfalls stark eingetrübt. Entsprechend ist die Zahl der in Russland lebenden Expatriates seit 2014 auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft.

Dabei hat Russland bei objektiver Betrachtung weiterhin einiges zu bieten: Moskau und St. Petersburg sind interessante Städte mit großem Kulturangebot, aufregendem Nachtleben und zunehmend familienfreundlichem Stadtbild. Der Rubelkursverfall hat überdies dafür gesorgt, dass Wohnen und Freizeitgestaltung wieder bezahlbarer geworden sind.

4. Welche Kompetenzen brauchen Expats um in Russland erfolgreich zu sein? Welche Unterschiede und Eigenheiten gilt es besonders zu beachten, wenn man auf dem russischen Markt arbeitet?

Es ist ein Klischee, aber dennoch wahr: Voraussetzung für den Erfolg in Russland ist, sich auf das Umfeld einzulassen und aus Westeuropa erprobte Strategien nicht einfach auf Russland anwenden zu wollen. Die Kenntnis der russischen Sprache hilft natürlich enorm dabei, näher mit den Menschen in Kontakt zu kommen und ungefilterte Informationen auch von Mitarbeitern zu bekommen, die des Englischen vielleicht nicht mächtig sind.

Wichtig ist auch die Bereitschaft, dicke Bretter zu bohren – dies kann mitunter beim Umgang mit Behörden wichtig sein. Hier sollte man sich dann auch auf die Hinweise der mit den Gepflogenheiten vertrauten lokalen Mitarbeiter verlassen, um keine Fehler zu machen. Russland gilt aus Compliance-Sicht als kompliziert und die Arbeit zwischen firmeninternen Richtlinien und den Realitäten vor Ort kann eine Gratwanderung sein. Dies gilt übrigens für viele andere Länder in ähnlicher Weise.

5. Welche Vorteile bietet der Einsatz von Expats für Unternehmen und warum stellen manche Unternehmen in Russland lieber Expats ein als russische lokale Mitarbeiter, besonders in Schlüsselpositionen?

Generell ist das „klassische“ Expatriate-Modell – also die Entsendung eines Mitarbeiters aus dem Mutterhaus – auch in Russland stark rückläufig. Der Löwenanteil der Führungspositionen in Russland mit heute mit lokalen Managern besetzt. Eine Ausnahme sind Konzerne, die einzelne Schlüsselpositionen im Rahmen einer globalen Rotation mit Managern aus ihrem internationalen Personal-Pool besetzen.

Wenn Expats heute zum Zuge kommen, dann handelt es sich meistens um so genannte „lokale Expats“. Dabei handelt es sich um Ausländer, die dauerhaft in Russland leben und auf Grundlage eines russischen Arbeitsvertrags tätig sind. In der Regel sprechen sie auch Russisch. Von Unternehmen werden solche Führungskräfte als Ansprechpartner geschätzt, weil ihnen die Wahrnehmung der beschriebenen Brückenfunktion zugetraut wird. Lokale Expats arbeiten oft als Geschäftsführer oder Finanzdirektor.

Im Rahme von Werksneugründungen werden immer wieder mal Expats nach Russland geschickt, um die Einrichtungsphase und den Technologietransfer zu begleiten. In der Regel handelt es sich dabei um zeitlich eng begrenzte Einsätze.

6. In ihrem Newsletter vom Juni thematisieren Sie, dass besonders kleinere europäische Unternehmen verunsichert sind, was die Risiken des Engagements auf dem russischen Markt betrifft. Warum lohnt es sich gerade für SMEs sich trotz Sanktionen in Russland zu engagieren und zu investieren?

Zunächst einmal ist es im Interesse jedes Unternehmens, sich selbst über die Sanktionsbestimmungen zu informieren und zu prüfen, welche Geschäfte mit Russland erlaubt und welche verboten sind.

Erste Anlaufstellen dafür können etwa die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer, die Association of European Businesses oder die einschlägigen Unternehmensberatungen sein. Grundsätzlich gilt: Es ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist – und der Großteil aller Geschäfte mit Russland unterliegt keinerlei Beschränkungen. Vielleicht könnte die Politik diesen Umstand mehr betonen und die Unternehmen ermutigen, sich weiterhin in Russland zu engagieren.  

Ob ein Engagement in Russland für ein bestimmtes Unternehmen sinnvoll ist, muss im Einzelfall untersucht werden. Die Konkurrenz ist auch in Russland hart, in fast allen Branchen sind die relevanten Anbieter mittlerweile vertreten. Das früher übliche Geschäftsmodell – also der reine Export nach Russland und Vertrieb zum Beispiel über Händler – ist in manchen Branchen nicht mehr ohne weiteres möglich. Dafür sorgen etwa die Importsubstitutionspolitik der russischen Regierung und die gesunkene Kaufkraft der russischen Abnehmer vor allem als Folge des Rubelkursverfalls.

Ich möchte jedoch auch kleineren und mittelständischen Unternehmen empfehlen, sich den Markt genau anzusehen und über der negativen Presselage nicht die Chancen außer Acht zu lassen. Die große Politik hat oft keinen Einfluss auf das konkrete Geschäftsmodell, entscheidend ist die Lage in der jeweiligen Branche.

Manche Sektoren profitieren sogar von den Sanktionen. Die russische Landwirtschaft, die Lebensmittelproduktion und in deren Gefolge auch der Landmaschinenbau sind wegen des russischen Importverbots für „westliche“ Lebensmittel im Aufwind.

7. Russlands Importsubstitutionen und die geringeren Lohnkosten machen die Lokalisierung ausländischer Unternehmen attraktiver. Für welche Branchen macht die Lokalisierung Sinn?

Die russische Regierung betreibt mit ihrer Importsubstitution eine klassische Politik von Zuckerbrot und Peitsche. Auf der einen Seite werden ausländische Lieferanten bei staatlichen Ausschreibungen benachteiligt, andererseits werden potentielle Investoren von der Politik umworben. Grundstücke und Infrastruktur sind inzwischen in einer Vielzahl von staatlichen und privaten Industrieparks verfügbar und die Lohnkosten sind als Folge des Rubelkursverfalls deutlich gesunken.

Ob eine Produktion in Russland wirtschaftlich ist, muss jedes Unternehmen selbst durchrechnen. Dann ist auch zu prüfen, ob ggf. ein Werksneubau, eine Lizenzproduktion oder ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem russischen Partner der richtige Weg ist.

 In einigen Bereichen hat es tatsächlich Lokalisierungswellen gegeben, etwa in der Pharmazie oder in der Lebensmittelindustrie und ihren Zulieferern. Insgesamt sind die westlichen Unternehmen zum Leidwesen der russischen Regierung aber zurückhaltend mit Direktinvestitionen.

Ein Grund mag die Größe des Binnenmarktes sein, der für viele Branchen wohl zu klein ist. Die Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion bringen es zusammen auf deutlich weniger als 200 Millionen Einwohner, China hat knapp 1,4 Milliarden. Derzeit ist auch schwer vorstellbar, dass Russland als Produktionsstandort zur Belieferung des EU-Marktes eine Chance hat – als Low-Cost-Standorte sind wohl längerfristig die osteuropäischen Länder und auch die Ukraine für die Unternehmen attraktiver.

Über Christian Tegethoff

Christian Tegethoff ist Geschäftsführer von CT Executive Search. Zuvor war er für die Unternehmensberatung Kienbaum Executive Consultants tätig, wo er unter anderem das Moskauer Büro des Unternehmens leitete. Zu Beginn seiner Karriere hat er an der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau gearbeitet. Herr Tegethoff hat ein Studium an der Freien Universität und der Humboldt-Universität Berlin mit Osteuropaschwerpunkt abgeschlossen. An der Cass Business School/City University London erwarb er zusätzlich den MBA-Grad.

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