Der Schweizer Markt für russische Unternehmen: Chancen und Herausforderungen – 10 Fragen an Nelli Orlova von Innovare Digital

Über Innovare Digital

Innovare Digital wurde im Jahr 2015 gegründet und hat eine sehr erfolgreiche Plattform lanciert, die junge Startups in diversen Belangen unterstützt. Mit ihrer Plattform eröffnet Innovare Digital Startups aus den verschiedensten Branchen die Möglichkeit, entschlossene Investoren mit anspruchsvollen und innovativen Ideen für ihre Projekte zu gewinnen. Gleichzeitig können die Startups über die Plattform auch auf das wertvolle Wissen verschiedenster Dienstleistungsanbieter, die sich der Plattform angeschlossen haben, profitieren. Innovare Digital ist weltweit tätig und hat im Jahr 2018 mit anderen Unternehmen die FAVORIT Entrepreneurship Auszeichnung bekommen.



1. Wann haben Sie Ihre Gesellschaft Innovare Digital in der Schweiz gegründet und aus welchen Gründen haben Sie die Schweiz als Standort, besonders im Hinblick auf andere durchaus attraktive Standorte in Europa, für Ihre Geschäftstätigkeit gewählt?

Innovare Digital wurde im Jahr 2015 im Handelsregister des Kantons Waadt eingetragen. Ihre Haupttätigkeit hat die Gesellschaft im Jahr 2016 aufgenommen. Die Schweiz haben wir aus zwei Hauptgründen als Standort gewählt: Der erste Grund war das geschäftsfreundliche regulatorische und steuerliche Umfeld (im Vergleich zu vielen anderen europäischen Gerichtsbarkeiten, hat man in der Schweiz mit einfacheren und transparenten bürokratischen Bedingungen zu tun). Der zweite Grund war der internationale Ruf und die Positionierung der Schweiz als «Land der Innovationen und der Startups». Innovare Digital ist auf dem globalen Startup- und dem Venture Capital Markt tätig. Die umfassende Schweizer Expertise und Infrastruktur in diesen Bereichen waren und sind für unsere Geschäftstätigkeit von besonderer Wichtigkeit.


2. Welche Rolle spielen die sanktionsfeien Wirtschaftsbeziehungen für Ihre aktuelle Tätigkeit in und aus der Schweiz?

Für unser Geschäftsmodell spielen die Sanktionen keine grosse Rolle, da wir uns nicht mit dem internationalen Waren- oder Zollhandel beschäftigen. Im Allgemeinen merken wir aber den Einfluss der Sanktionen auf das Geschäftsumfeld, vor allem im Finanzsektor. Das KYC (Know Your Customer) von Investoren und Partnern aus Russland hat sich beispielsweise aufgrund der verschärften Bankrichtlinien verkompliziert.


3. Welchen Chancen und welchen Herausforderungen musste sich Innovare Digital in der Gründung-, Entwicklungs- und Etablierungsphase stellen?

Im Allgemeinen würde ich die Betriebskosten als die grösste Herausforderung für Startups in der Schweiz erwähnen. Die Kosten für das Personal, die IT-Entwickler und für weitere Dienstleistungsanbieter können in der Schweiz zwei- oder dreimal so hoch ausfallen wie in Nachbarländern. Es ist jedoch ein großer Vorteil, dass man im 21. Jahrhundert ein Team aus den besten Fachkräfte aus verschiedenen Ländern zusammenstellen und online zusammenarbeiten kann, ohne gemeinsam in einem Büro sitzen zu müssen. Daneben gibt es selbstverständlich auch Kosten auf lokaler Ebene, mit denen auf jeden Fall gerechnet werden muss: Anwälte, Buchführer / Treuhänder, usw. Im Allgemeinen, wenn das Geschäftsmodell mit der Online-Kommunikation und mit dem Workflow übereinstimmt, ist die Entwicklung von Startups in der Schweiz erschwinglich.


4. Welche Tipps würden Sie russischen Neu-Einsteigern in der Schweiz in diesem Zusammenhang mit auf den Weg geben?

Die Schweiz ist ein wirtschaftsfreundliches Land, in welchem man mit den lokalen (Aufsichts-)Behörden direkt sprechen, nach einem flexibleren Steuerregime fragen und von einem vereinfachten Verwaltungsablauf profitieren kann. Wichtig ist, dass das Startup absolut transparent arbeitet und gut organisiert ist. Chaotische und einseitig koordinierte Aktivitäten sind in der Schweiz nicht geschätzt. Die Kommunikation mit den Behörden und den lokalen (Unterstützungs-)Organisationen müssen von Anfang an respektiert und gepflegt werden. Über die Geschäftsentwicklungspläne und –Anforderungen müssen die Ansprechpartner am besten proaktiv und rechtzeitig informiert werden. Dies ist für ausländische Startups besonders wichtig, weil sie mit diesem Vorgehen Ratschläge und Empfehlungen sowie indirekte und direkte Unterstützung beim Marketing und Networking erhalten.


5. Was müssen russische Unternehmen, bzw. Startups mitbringen, um den Schritt auf den Schweizer Markt in Angriff nehmen zu können, bzw. welche Merkmale müssen sie aufweisen? Haben Sie konkrete Beispiele aus Ihrer Erfahrung?

Die jeweiligen Merkmale hängen selbstverständlich von den Einzelfällen, der Industrie und dem Sektor ab. Wenn man ein Geschäft in der Schweiz aufbauen will, muss man bei der Gründung der eigenen Tätigkeit dem eigenen Ruf grosse Aufmerksamkeit schenken. Es geht nicht nur um Marketing- und Branding, sondern vor allem auch um die Kontinuität in der Kommunikation mit und dem Verhalten gegenüber Partnern und Kunden. Versprechen müssen eingehalten werden und die gelieferten Produkte und Dienstleistungen müssen qualitativ den Erwartungen entsprechen oder noch besser, diese übertreffen. Die Netzwerk und Kundenpflege kostet Zeit. Wie bereits erwähnt, akzeptiert das Schweizer Geschäftsumfeld keine chaotische Bewegungen und Tendenzen. Ein neues Unternehmen auf dem Markt muss seine Zuverlässigkeit, Geschäftstätigkeit und Fähigkeit zuerst unter Beweis stellen und Kunden sowie Partnern die Zeit für ein Kennenlernen gewähren.


6. Mit welcher Art von Startups arbeiten Sie am meisten zusammen und welche Dienstleistungen nehmen diese am meisten in Anspruch?

Wir haben keine strengen Beschränkungen. Am meistens arbeiten wir mit Startups, die in den Bereichen Blockchain, künstliche Intelligenz, Daten- und Neurowissenschaft, VR und Robotik tätig sind. In den letzten zwei Jahren haben wir auch viel mit Fintech Projekten zu tun gehabt. Viele von diesen Projekten können bereits zum heutigen Zeitpunkt ein MVP (Minimum Viable Produkt) oder ein funktionierendes Produkt vorweisen und benötigen Investitionen für den Markteintritt oder zur Unterstützung ihrer Geschäftsentwicklung mittels  einer Verkaufs- und Marketingstrategie.


7. Es ist bekannt, dass in Westeuropa mehr als die Hälfte der Startups nach 2 / 3 Jahren verschwindet. Aus Ihrem Standpunkt, auf welchem Gebiet haben Startups die besten Überlebenschancen?

Ich bin überzeugt, dass die Überlebenschancen der Startups viel mehr mit ihren Ausführungskapazitäten und dem strategischen Denken des Gründerteams, als mit dem Industriegebiet, in dem sie sich bewegen, zusammen hängen. Der grösste Fehler, den viele Startup-Gründer machen, ist die Wichtigkeit von Kunden, Marketing und Verkauf zu vergessen. Stattdessen fokussieren sich viele fast ausschliesslich auf die Produktentwicklung, die Produktmerkmale oder auf die Programmierung ihrer IT-Lösungen. Andere konzentrieren sich wiederum schwergewichtig auf das Fundraising und verschwenden viele Monate, oder sogar Jahre, um (potentielle) Investoren anzusprechen, an Konferenzen teilzunehmen und Geschäftspläne zu modifizieren. Kein Geschäft oder Produkt kann ohne Kunden und Verkauf existieren. Diejenige, die das verstehen und sich von Anfang an bemühen, den passenden Absatzmarkt zu finden, haben gute Chancen, das sogenannte «Death Valley» zu überwinden.


8. Welcher Bereich in der Start-up Beratung und Unterstützung birgt die grössten Herausforderungen?

Bei den Investitionsmandaten ist die Due-Diligence der Bereich, der die grössten Herausforderungen birgt. Oft erscheint das Startup wie ein Einhorn, aber wenn man einen tieferen Blick wagt, erkennt man nicht selten Fehler unter anderem in den internen Vorgehensweisen, in den Marktrecherchen und den Wettbewerbsanalysen. In diesem Fall müssen wir dem Team erklären, dass sie für das Fundraising noch nicht bereit sind und dass sie (noch) keine angemessene Bewertung bekommen können, sofern sie ihre «Hausaufgaben» nicht erledigen.

Manchmal ist es emotional schwierig, ein aufgeregtes Gründerteam auf solche Dingen aufmerksam zu machen. Die Gründer müssen aber in der Lage sein, kritische Feedbacks und Ratschläge zu akzeptieren und Inputs umzusetzen, wenn sie nicht unproduktiv werden wollen. Aus Beratungssicht sind die Geschäftsentwicklung und der Markteintritt für B2B Produkte zwei sehr herausfordernde Phasen. Bei B2C Produkten kann mit einem grosszügigen Marketing-Budget und einer guten Produktverpackung, die Wirtschaftlichkeit des Projekts in ein gutes Licht gerückt und so der Markteintritt erleichtert werden.

Die Geschäftsentwicklung und der Markteintritt brauchen viel Zeit. Insbesondere Industrie- und Marktanalysen sind ein sehr anspruchsvoller Bestandteil unserer Arbeit. Gleichzeitig sind diese Arbeiten jedoch auch spannend und herausfordern, vor allem wenn wir den Firmenkunden neue innovative Produkte anbieten und in der Lage sind, die Bürokratie bis zur Implementierung, der Erreichung der Projekt Pilotphase respektive der Genehmigung des Projektes «im Zaum zu halten». Es gibt ausser den grossen Beratungsunternehmen nur wenige Unternehmen, die so umfangreiche Dienstleistungen anbieten, wie Innovare Digital dies tut. Aus diesem Grund ist die Tätigkeit von Innovare Digital einzigartig auf dem Markt.


9. Sie arbeiten mit High-Tech-Unternehmen zusammen. Welche Trends sehen Sie in der Zukunft in der High Tech Branche?

Allgemeine Markttrends und Industrieberichte gehören nicht zu meinen Präferenzen. Ich ziehe es vor, den Fokus auf aktuelle Industriebedürfnisse und Investorenanforderungen aus unserem Netzwerk zu legen. Wir arbeiten viel mit institutionellen und privaten Investoren, Ventures Capital und Family Offices, sowie auch mit Firmenkunden und multinationale Industrieunternehmen, zusammen, die nach innovativen Lösungen für ihre Bedürfnisse suchen. Derzeit sehen wir auch wachsendes Interesse an Themen wie künstliche Intelligenz und die Datenwissenschaft (data science solutions). Ausserdem gibt es eine grosse offene Nachfrage von staatlichen Institutionen sowie von in der Privatwirtschaft tätigen Unternehmen nach gebrauchsfertigen Lösungen im Bereich Blockchain und anderen branchenübergreifend einsetzbaren innovativen Technologien wie AI & Data Science, IOT, etc.


10. Sie unterstützen innovative Projekte in jeder Entwicklungsphase und unterstützen Ihre Klienten beim Auf- und Ausbau ihrer Geschäftstätigkeit. Welche Erfolgsgeschichten sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Wir haben eine Reihe von «öffentlichen» Erfolgsgeschichten (vor allem im Bereich Fundraising), die auf unsere Webseite zugänglich sind. Unsere Innmind Plattform hat erfolgreich Investoren mit Startups und Gründern verknüpft. Was unsere weiteren Dienstleistungen betrifft, beispielsweise Geschäftsentwicklung, Unterstützung beim Markteintritt in der Schweiz und in Europa sowie spezifische Unterstützung bei Finanzierungen, dürfen wir ohne die Zustimmung unserer Kunden keine weiteren Informationen veröffentlichen, weil wir in den meisten Fällen eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterzeichnet haben.


Über Nelli Orlova

Nelli Orlova ist CEO und Co-Founder von Innovare Digital. Ausserdem ist Sie Expertin fuer Blockchain und beraet Startups.














Über die Autoren

Die Autoren Pierre Helg (Partner) und Nina Fois (Research, Marketing and Communications) arbeiten für die QUORUS GmbH mit Sitz in Zürich und Filiale in Moskau .

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