Russland, der wichtigste Erdgaslieferant für die Europäische Union – 7 Fragen an Torsten Murin von Wintershall Dea Russia

Über Wintershall Dea

Wintershall Dea ist das führende unabhängige Gas- und Ölförderunternehmen Europas. Im Mai 2019 fusionierten die beiden größten Gas- und Ölproduzenten Deutschlands, die Wintershall Holding GmbH, eine Tochtergesellschaft von BASF, und die Deutsche Erdöl AG DEA der LetterOne Gruppe, zu Wintershall Dea. Die Gesamtproduktion der beiden Unternehmen betrug im Jahr 2018 (pro forma) 215 Millionen Barrel Öläquivalent (BOE).

In Russland fördert Wintershall Dea gemeinsam mit den russischen Unternehmen Gazprom und LUKOIL Gas und Öl. Derzeit ist Wintershall Dea an vier Onshore-Projekten im Land beteiligt.

Achimgaz

Etwa 3.500 Kilometer nordöstlich von Moskau, nahe Nowy Urengoi, liegt das Urengoi-Feld – eine der weltweit größten Lagerstätten für Erdgas und Kondensat. Dort im Block 1A produziert das 2003 gegründete Joint Venture Achimgaz, an dem Wintershall Dea mit 50 Prozent beteiligt ist, Erdgas und Gaskondensat. Die andere Hälfte liegt bei der Gazprom-Tochter OOO Gazprom Dobycha Urengoi. 2018 förderte das Joint Venture 7 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

Achim Development

Achim Development ist das jüngste Gemeinschaftsunternehmen von Wintershall Dea und Gazprom, das die Blöcke 4A und 5A der Achimov-Formation des Urengoi-Feldes entwickelt und an dem Wintershall Dea mit 25,01 Prozent beteiligt ist. Erste Bohrungen sollen Ende 2020 betriebsbereit sein, die ersten signifikanten Produktionsmengen sind für 2021 geplant.

Severneftegazprom

Wintershall Dea betreibt gemeinsam mit Gazprom und der österreichischen OMV das Gemeinschaftsunternehmen Severneftegazprom, welches aus dem Feld Juschno-Russkoje, das im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen liegt, jährlich 25 Milliarden Kubikmeter Erdgas fördert. Wintershall Dea ist mit 35 Prozent am wirtschaftlichen Erfolg des Joint Ventures beteiligt.

Wolgodeminoil

Wolgodeminoil wurde 1992 gegründet und ist das am längsten existierende Joint Venture zwischen einem russischen und einem westeuropäischen Partner im Bereich der Exploration und Produktion von Kohlenwasserstoffen. Am Joint Venture halten Wintershall Dea und RITEK, Tochter des russischen Erdölproduzenten LUKOIL, je 50 Prozent. Wolgodeminoil fördert heute aus 12 Feldern in drei Lizenzgebieten in Südrussland, in der Nähe von Wolgograd, Erdöl und Erdgas.

Nord Stream

Außerdem ist Wintershall Dea mit 15,5 Prozent an der Ostseepipeline Nord Stream beteiligt und einer von fünf westlichen Finanzinvestoren der sich bereits im Bau befindlichen Nord Stream 2-Pipeline.



1. Welche Rolle spielt Russland für Wintershall Dea jetzt und in Zukunft? Welche Investitionen und Projekte sind geplant?

Russland bleibt auch nach dem Merger eine der wichtigsten Schwerpunktregionen für Wintershall Dea. In Russland liegen die größten Energiereserven im Portfolio des fusionierten Unternehmens. Für die kommenden Jahre plant Wintershall Dea weltweit Investitionen in Höhe von ca. 1,5 bis 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Ein großer Anteil davon wird auf Norwegen und Russland entfallen. In Russland werden wir besonders in unser jüngstes Projekt, Achim Development, investieren. Unser drittes Joint Venture mit Gazprom wird Erdgas und Gaskondensat aus den Blöcken 4A und 5A der Achimov-Formation des Urengoi-Feldes produzieren. Außerdem beschäftigen wir uns aktiv mit der Erschließung der Turon-Schichten des Juschno-Russkoje Feldes durch unser Gemeinschaftsunternehmen Severneftegazprom. Derzeit sind dort mehrere Testbohrungen in Betrieb. Die großflächige Produktion ist ab 2020 geplant.


2. Welche Rolle spielt Wintershall Dea bei den Projekten in Russland und welchen Beitrag leistet das Unternehmen?

Mit dem Merger zwischen Wintershall und DEA ist der größte unabhängige europäische Gas- und Ölproduzent entstanden, der aktuell eine durchschnittliche Tagesproduktion von 590.000 BOE hat. In den nächsten vier Jahren wollen wir die Tagesproduktion auf 750.000 – 800.000 BOE steigern. Außerdem bedeutet der Zusammenschluss mehr technologisches Know-How, mehr Fachpersonal und effizientes Management.

Unsere Expertise in der Gasförderung geht bis in die frühen fünfziger Jahre zurück. Seitdem konnten wir dank unserer Projekte in Deutschland sowie weltweit einen Wissenspool in den unterschiedlichsten Klimazonen und Gesteinsschichten aufbauen. Diese Kompetenzen bringen wir unter anderem in unsere gemeinsame Initiative mit Gazprom, die „Wissenschaftlich-Technische Zusammenarbeit“, ein. In regelmäßigen Seminaren und Workshops entwickeln wir innovative Lösungen und neue Wege, beispielsweise bei solchen Themen wie Energieeinsparung, Effizienzsteigerung, Umweltschutz und Umweltsicherheit.


3. Russland verfügt über die sechstgrößten Ölreserven und über rund ein Fünftel aller bekannten Erdgasvorräte. Für die Europäische Union ist Russland der wichtigste Erdgaslieferant. Welche Rolle spielt Russland für die Energieversorgung in Deutschland?

Russland ist neben Norwegen einer der wichtigsten Pfeiler für die Energieversorgung Deutschlands. Um die Klimaziele der Bundesregierung einzuhalten und bis 2038 den Ausstieg aus der Kohlekraft vollziehen zu können, wird Deutschland mehr Gas importieren müssen. Denn wir müssen die Energiewende nachhaltig, effektiv und sozial verträglich gestalten. Als Partner der Erneuerbaren spielt Erdgas dabei eine zentrale Rolle. Erdgas ist der sauberste konventionelle Energieträger, auf lange Sicht sicher verfügbar und darüber hinaus bezahlbar, also sozial verträglich. Die riesigen russischen Erdgasreserven liegen in Pipeline-Reichweite und bieten Deutschland und Europa eine stabile, sichere und wettbewerbsfähige Energieversorgung.


4. Und wie wichtig ist Deutschland andererseits als Absatzmarkt für Gas und Öl aus Russland?

Auf Deutschland entfällt der Löwenanteil aller russischen Gasexporte nach Europa. Diese beliefen sich 2018 insgesamt auf knapp über 200 Milliarden Kubikmeter. 58,8 Milliarden Kubikmeter davon wurden nach Deutschland (inkl. Transit) geleitet. Die Einnahmen aus den Gasexporten sind eine sehr wichtige Quelle für den russischen Staatshaushalt. So kann man sagen, dass die Energiebeziehungen für beide Seiten vorteilhaft sind. Deutschland weiß in Russland einen verlässlichen Energielieferanten, Russland kann sich auf Deutschland als einen stabilen Abnehmer seines blauen Brennstoffes verlassen.


5. Wintershall Dea ist als Finanzinvestor an Nord Stream 2 beteiligt. Die Pipeline ist nicht unumstritten. Dänemarks Regierung hat bisher keine Bewegung bei der Entscheidungsfindung in Bezug auf den Routenverlauf erkennen lassen und einige EU-Staaten sowie die USA sprechen sich weiterhin vehement gegen den Bau aus. Welche Vor- und Nachteile hat Ihrer Meinung nach Nord Stream 2 und braucht die EU diese Pipeline überhaupt?

Bei all den geführten Diskussionen dürfen wir nicht den Aspekt der Versorgungsicherheit aus dem Blick verlieren. Die Gasförderung in Europa ist seit Jahren rückläufig. Die eingeläutete Schließung des größten europäischen Gasfeldes Groningen in den Niederlanden wird die Situation weiter verschärfen. Wir werden aber noch lange nicht ausschließlich auf erneuerbare Energien setzen können. So werden die Gasimporte in den kommenden Jahrzehnten für Europa weiter eine sehr große Bedeutung haben. Mit Nord Stream 2 bekommt Europa eine sichere, effiziente und umweltfreundliche Route, um einen Teil seines Erdgasbedarfs zu decken.


6. Als Unternehmen sind Sie seit mehr als 25 Jahren in Russland aktiv. Hatten Sie die Möglichkeit, sich in dieser Zeit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial in Russland zu engagieren?

Als global tätiges Unternehmen sind wir uns unserer sozialen Verantwortung bewusst und fühlen uns den Regionen, in denen wir aktiv sind, verbunden. In Russland unterstützen wir die wirtschaftliche und soziale Entwicklung an unseren Standorten. Aber auch dem Dialog zwischen Russland und Deutschland und den Begegnungen der Menschen beider Länder messen wir besondere Bedeutung zu. Daher ist es für uns ein wichtiges Anliegen, Kontakte zu unseren Partnerregionen über das Wirtschaftliche hinaus zu fördern. So unterstützen wir seit fast 15 Jahren zahlreiche Kooperationsprojekte zwischen den Städten Nowy Urengoi, unserer größten Förderregion in Russland, und Kassel, einem unserer beiden Firmensitze in Deutschland. Im Rahmen dieser Projekte bringen wir Schüler zusammen, die sich an einer für Europa einzigartigen Forschungskooperation beteiligen. Und für Experten beider Stadtverwaltungen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur existiert seit dem Jahr 2006 ein vielschichtiges Austauschprogramm, das einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung beider Städte leistet. Dabei lernen die Teilnehmer voneinander und bauen Stereotype und Vorurteile ab. Diese erfolgreiche Städtepartnerschaft wurde im vergangenen Jahr im Rahmen des Deutsch-Russischen Jahres der kommunalen und regionalen Partnerschaften von den Außenministern Deutschlands und Russlands, Heiko Maas und Sergej Lawrow ausgezeichnet. Außerdem unterstützen wir den Bau des ersten inklusiven Kindergartens in Nowy Urengoi, in dem auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen unterrichtet werden. Der Bau des Kindergartens wird in diesem Jahr fertiggestellt werden.


7. Vor etwa zwei Jahren ist Wintershall Dea nach St. Petersburg umgezogen. Was war der Beweggrund für die Verlegung Ihres russischen Sitzes aus Moskau?

St. Petersburg entwickelt sich derzeit zu einem der wichtigsten Energiezentren Europas. Hier hat der größte europäische Energiekonzern Gazprom seinen Sitz und hier starten die für die gesamteuropäische Energieversorgung wichtigen Gasleitungen. Die Stadt wird ihrem Ruf als Fenster nach Europa gerecht – auch in Bezug auf die Energieversorgung. Und für uns ist es wichtig, den direkten Kontakt zu unserem wichtigsten russischen Kooperationspartner, Gazprom, auf allen Ebenen aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln. Daher ist St. Petersburg der perfekte Ort für Wintershall Dea, um Brücken zu bauen, sowohl zwischen unseren Unternehmen als auch zwischen unseren Ländern.


Über Torsten Murin

Torsten Murin ist seit 2002 bei Wintershall Dea (damals Wintershall) tätig. Er begann seine Karriere als Trainee im Unternehmen und übernahm anschließend diverse Positionen als Finanz-Manager – zuerst in Argentinien, später bei Wintershall Russland sowie als stellvertretender Finanz-Direktor für die Projekte Juschno-Russkoje und Achimgaz in Russland. 2013 bis 2017 leitete Murin die Erdgasinfrastrukturprojekte von Wintershall in Kassel. Seit 2018 ist Torsten Murin Managing Director von Wintershall Dea Russia GmbH.

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