Strategisches Drehkreuz Arktis – Schmelzendes Eis und das Streben Russlands, Chinas und der USA nach Rohstoffen und neuen Handelsrouten

Schmelzendes Eis, Rohstoffe und Schifffahrt in der Arktis

Das Schmelzen des arktischen Eises öffnet den Zugang zu Öl- und Gasfeldern, die historisch unter nördlichem Eis eingeschlossen waren und eröffnet neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Nach Angaben der NASA ist das arktische Eis seit 1979 im Durchschnitt um 12,8 Prozent pro Jahr geschrumpft. Die Eisbedeckung im vergangenen Jahr war 42 Prozent geringer als 1980. Auf der Arktis-Konferenz im April erklärte der russische Präsident Vladimir Putin, dass sich die Region, laut russischer Daten, viermal schneller erwärmt als der Rest der Welt. Nach einigen Schätzungen könnte die gesamte Polarregion bis 2050 weitgehend eisfrei sein.

Rohstoffvorkommen

Es wird angenommen, dass es in der Arktis riesige Vorräte an fossilen Brennstoffen in Form von Öl und Gas sowie Mineralien und seltenen Erden gibt, die noch nicht erschlossen wurden. Der Wert dieser Rohstoffe wird derzeit auf 35 Billionen Dollar geschätzt. Laut Studien, könnten in der Arktis rund 22 Prozent der noch unentdeckten, technisch förderbaren Öl- und Gasressourcen der Welt liegen. Derzeit werden in der Arktis bereits Nickel, Platin, Zink, Kupfer, Blei, Silber, Diamanten und Eisenerz abgebaut und enorme Mengen an Öl und Gas gefördert. Denn im Gegensatz zur Antarktis, für die schon 1961 vertraglich festgelegt wurde, dass der Kontinent bis 2041 nur für Forschungszwecke genutzt werden darf, gibt es kein vergleichbares Abkommen von den Vereinten Nationen, sodass Rohstoffe ohne weiteres ausgebeutet werden können.

Schifffahrt und Handelsrouten

Schmelzende Eiskappen und schwindendes Meereis öffnen den Arktischen Ozean außerdem auch für die Schifffahrt. Die Arktis ist das Tor zu drei Routen. Die Nordostpassage entlang der Küste Sibiriens, die den Atlantik und den Pazifik verbindet, die Nordwestpassage entlang der Küste Nordkanadas und der Küste Alaskas und die Transpolar Sea Route, die kürzeste Route, jedoch nicht schiffbar, da sie durch die dicken Eisschilde des Nordpols führt. Neue Routen könnten den Seeweg von Europa oder Amerikas Ostküste nach Asien jedoch deutlich verkürzen. Daher könnten die arktischen Meeresstraßen zum Mittelpunkt des Wettbewerbs zwischen Amerika, Europa, Russland und China werden.

Globales Interesse

Somit ist es nicht verwunderlich, dass das wirtschaftliche und strategische Interesse an der Arktis weit über die acht Arktisstaaten USA, Kanada, Russland, Island, Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland hinausgeht, die sich 1996 im Arktisrat zusammengeschlossen haben. Das Vorkommen an Ressourcen und die strategische Wichtigkeit der Schiffsrouten, machen die Arktis zu einer Region von globalem Interesse. Die Debatte über Trumps Angebot den Dänen Grönland abzukaufen, lenkte nun die weltweite Aufmerksamkeit auf die Region.

Welche Rolle spielt Grönland im Wettlauf der Weltmächte um die Arktis?

Grönland ist mit 2,2 Millionen Quadratkilometern die größte Insel der Welt, jedoch sind rund 80 Prozent der Insel mit einer bis zu 3.000 Meter mächtigen Eisschicht bedeckt. Etwa 400.000 Quadratkilometer entlang der Küste sind eisfrei. Grönland ist die am dünnsten besiedelte Region der Erde. Nur knapp 56.000 Einwohner bewohnen die Insel, die offiziell zu Dänemark gehört. Seit 2009 genießt Grönland als Teil des Königreichs Dänemark innenpolitische Autonomie, wird jedoch in außen- und verteidigungspolitischen Angelegenheiten von Kopenhagen vertreten. Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind Fischerei und Tourismus. Allerdings unterstützt Dänemark die Insel mit jährlichen Zuschüssen von rund 740 Millionen Euro, die mehr als die Hälfte des Inselbudgets ausmachen.

Internationales Interesse gilt dem vermuteten Vorkommen riesiger natürlicher Ressourcen, darunter Öl, Kupfer Gas, Kohle, Zink, Blei, Uran, Eisenerz und Seltene Erden.

Rohstoffvorkommen Grönlands – Öl, Gas und Seltende Erden

Laut Schätzungen des US Geological Survey, könnte es vor den Küsten Grönlands 17,5 Milliarden unentdeckte Barrel Öl und 148 Billionen Kubikfuß Erdgas geben. Um den Polarkreis herum besteht ein Potenzial von 90 Milliarden Barrel Öl. Zwar wurden in den letzten 40 Jahren 14 Offshore-Bohrungen abgeteuft, ohne dass förderbaren Mengen an Öl gefunden wurden, jedoch wird Grönland als das neue Alaska angesehen, welches bis zum Fund riesige Reserven als wertlos galt.

Des Weiteren wird angenommen, dass Grönland die größten Vorkommen an seltenen Erden außerhalb Chinas hat. Seltene Erden werden die Herstellung von Batterien und Handys verwendet und sind von Technologieunternehmen weltweit stark nachgefragt. Das US-Innenministerium stufte seltene Erden als kritisch für die wirtschaftliche und nationale Sicherheit ein. Vorkommen außerhalb Chinas könnten ein wichtiges Gegengewicht zu potentieller Marktkontrolle Chinas sein.

Schifffahrt – Grönlands strategische Lage in der Arktis

Auch in Grönland führt die, durch den Klimawandel begünstigte, polare Eisschmelze zu einer Erweiterung potentieller Schifffahrtsrouten im Nordatlantik. Neue Routen können Seehandelswege drastisch verkürzen. Damit ist Grönland neben dem vermuteten Rohstoffvorkommen auch von enormer strategischer Wichtigkeit.

Die Rolle der USA in der Debatte um Grönland

In den letzten Wochen waren die Medien voll von Nachrichten über Präsident Trumps Interesse, Grönland von Dänemark zu kaufen. Das Vorhaben wurde von den Dänen abgelehnt , ist jedoch im Hinblick auf Trumps “America First”-Politik und damit verbundene Reaktion auf wachsenden politischen, wirtschaftlichen und militärischen Wettbewerbe, keine Überraschung. Der Erwerb von Grönland würde den USA Zugang zu enormen, unerforschten Naturressourcenlagern eröffnen und den geopolitischen Einfluss der USA in der Arktis erweitern. Trumps Verwaltung ist allerdings nicht die erste, die eine Anfrage über den Kauf der Insel stellt. Frühere Versuche der amerikanischen Regierung Grönland zu erwerben, reichen bis 1867 zurück.

US-Präsenz in der Arktis

Die USA und Grönland trafen während des dem Zweiten Weltkrieg eine Vereinbarung, amerikanische Militärgüter auf der Insel unterzubringen. Seit 1943 unterhalten die Vereinigten Staaten deshalb in Nord-Grönland die Thule Air Base, Amerikas nördlichster Luftwaffenstützpunkt, der über ein Frühwarnsystem für ballistische Raketen und ein Satellitenortungssystem verfügt. Außerdem will die US-Regierung erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Konsulat in Grönland eröffnen, nachdem das erste Konsulat 1953 geschlossen wurde. Laut einem Brief des Außenministeriums in Washington an den Kongress, sei das Konsulat Teil einer groß angelegten Strategie, um die US-Präsenz in der Arktis zu erhöhen. Das neue Konsulat soll 2020 in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, eröffnet werden.

Chinas Investitionen in Grönland

Im Rahmen von Xi Jinpings Polarer Seidenstraße ist China um Investitionen in Grönland bemüht und versucht wirtschaftlich stärker Fuß auf der Insel zu fassen. Die bisher größte Investition ist eine Beteiligung eines chinesischen Unternehmens an Greenland Minerals mit Sitz in Australien, mit dem Vorhaben Seltene Erden und Uran in Grönland abzubauen.

Außerdem schlug China 2018 den Bau drei neuer Flughäfen und Mineneinrichtungen auf Grönland vor, zog aber schließlich das Angebot zurück.

China hat zwar keinen geografischen Anspruch auf die Region, aber eine massive kommerzielle Schifffahrtsindustrie, die von neuen Polarrouten profitieren würde, wenn das Eis schmilzt.

Russlands Arktis-Strategie

Entdeckung neuer Inseln

Der Rückzug des arktischen Eises inmitten steigender Luft- und Meerestemperaturen hat unbekannte Landformen enthüllt. Erst kürzlich hat die russische Marineexpedition fünf arktische Inseln entdeckt. Die fünf winzigen Inseln mit einer Größe von 900 bis 54.500 Quadratmetern befinden sich in der Bucht von Vize vor dem Nordostufer von Novaya Zemlya, das die Barents- und Kara-Meere im Arktischen Ozean teilt, heißt es in einer Erklärung des Verteidigungsministeriums. Zuvor waren waren die Inseln unter dem Nansen-Gletscher, auch bekannt als die Vylka, versteckt, die Teil der größten europäischen Eiskappe ist, die einen Großteil der nördlichen Insel Novaya Zemlya bedeckt.

Russlands Polargebiete und Rohstoffvorkommen

Russlands Polargebiete umfassen neun von 17 Millionen Quadratkilometern der Landesfläche, ein Viertel der russischen Ausfuhren stammen von hier. Auch auf russischem Territorium führt das Schmelzen des Arktiseises zum Zugang zu weiteren Öl- und Gasfeldern und zu anderen Rohstoffvorkommen. Außerdem beansprucht Russland außerhalb seiner 200-Meilen-Wirtschaftszone 1,2 Millionen Quadratkilometer Grund unter dem Polarmeer, inklusive Nordpol. Dort vermuten die Russen bis zu zehn Milliarden Tonnen Mineralbrennstoffe. Bis 2045 will der Staat hier umgerechnet knapp vier Milliarden Euro allein für die geologische Suche nach weiteren Rohstoffen ausgeben.

Arktische Seewege

Mit der Erweiterung der existierenden Flotte um 40 neue Eisbrecher, will Russland die Kontrolle über die arktischen Seewege sichern. Im Vergleich: Die USA besitzen nur zwei Eisbrecher. Eisbrecher sind Schiffe, die durch Eis laufen können, und beispielsweise andere Schiffe auf der Arktis begleiten könnten, die sich selber keinen Weg durchs Eis bahnen können.

Russlands Eisbrecherflotte soll außerdem um zwei neue nukleare Eisbrecher erweitert werden. Derzeit betreibt Russland vier nukleare Eisbrecher: „Jamal“, „50 Let Pobedy“, „Taymyr“ und „Vaygash“. Der Bau der beiden neuen Schiffe wurde am 10. Juli von Atomflot bekanntgegeben. Die Kosten belaufen sich auf etwa 1,47 Milliarden Dollar. Die neuen Aufträge stellen eine Ergänzung zu drei bereits im Bau befindliche nukleare Eisbrecher Arktika“, Sibir“ und Ural“ dar, die alle bis 2022 in Betrieb genommen werden sollen. Die beiden neuen Eisbrecher sollen bis 2024 bzw. 2026 in Betrieb genommen werden. Die bis zu 173 Meter langen Eisbrecher werden von zwei RITM-200-Reaktoren angetrieben, die zusammen 175 Megawatt Leistung liefern. Damit zählen die Eisbrecher zu den leistungsfähigsten zivilen Schiffen der Welt . Mit den nuklearen Eisbrechern soll schon jetzt, die schnell schmelzende Handelsroute durch die Arktis das ganze Jahr über für den Schiffsverkehr zugänglich gemacht werden.

Für die Eskorte ausländischer Schiffe, könnte Russland eine Art „Maut“ auf den arktischen Seewegen erheben. Anfang des Jahres verabschiedete das russische Parlament eine entsprechende Gesetzgebung, die Rosatom ein Monopol auf die Verwaltung des Zugangs zur Nordseeroute über seine Eisbrecher gibt, die den Auslandsverkehr begleiten soll. Die Behauptung der russischen Regierung, dass Verlader die Erlaubnis Moskaus benötigen, um die Route zu passieren, wurde von den USA scharf kritisiert. US-Außenminister Mike Pompeo bezeichnete die Absicht des Kremls, die Nordseeroute wie eine Mautstraße zu führen, als „illegal“. Im Gegensatz dazu, akzeptiert China Russlands Bedingungen. Als größte ausländischer Investor im russischen Jamal-LNG-Projekt, ist China ohnehin an Russlands gewinnen in der Region beteiligt. Das Jamal-LNG-Projekt soll China außerdem mit vier Millionen Tonnen LNG pro Jahr verzogen, so China Daily.

Zusätzlich investiert Russland in den Bau von Häfen, die Erweiterung der Infrastrukturen, die Wiedereröffnung und Bau von Militärflugplätzen und weitere Projekte in der Arktis. Bereits jetzt sind rund 10 Prozent der gesamten russischen Investitionen in arktische Projekte getätigt. Letztes Jahr entschied Putin, die Schifffahrt über die Nordseeroute bis 2024 auf 80 Millionen Tonnen pro Jahr zu steigern. Im Jahr 2018 beliefen sich die Lieferungen auf rund 20 Millionen Tonnen, und Schätzungen des Naturschutzministeriums gehen bis Ende 2019 von insgesamt 30 Millionen Tonnen aus. Der Löwenanteil der Lieferungen entfällt auf LNG (Flüssigerdgas) aus der LNG-Anlage Yamal von Novatek. Das LNG-Projekt Jamal, das Anfang des Jahres in Betrieb genommen wurde, rechnet mit 15,5 Millionen Tonnen Erdgas pro Jahr. Das Projekt Jamal LNG II, das 2023 eröffnet werden soll, wird weitere 19,8 Milliarden Tonnen erzeugen. Weiterer Verkehr durch die Nordseeroute wird durch Öl verursacht – ein Großteil davon von Pipelines, die von Mittelsibirien zu arktischen Seehäfen führen.

Schwimmendes Atomkraftwerk zur Energieversorgung in abgelegen Regionen

Für die infrastrukturellen und Projekte in der Arktis werden große Mengen an Energie benötigt. Hierfür wurde Russlands erstes schwimmendes Atomkraftwerk, Akademik Lomonossow, gebaut. Die Akademik Lomonossow soll bald im Polarhafen Pewek auf der Halbinsel Tschukotka andocken. Dort sollen zwei Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 80 Megawatt Strom und Heizwärme liefern, die im Bergbaukomplex Chaun-Bilibin in Tschukotka mit Goldminen, in Offshore-Ölplattformen in der russischen Arktis oder in der Entsalzungsanlage zum Einsatz kommen soll. Laut der russischen Nachrichtensendung Vesti, soll die Anlage über genügend Strom verfügen, um eine Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern zu beleuchten und zu beheizen. Mit schwimmenden Atomkraftwerken könnten abgelegene Gebiete weltweit mit Strom versorgt werden. Laut der Badischen Zeitung, gäbe es bereits Anfragen für schwimmende Atomkraftwerke aus Lateinamerika und Südostasien. Die Akademik Lomonossow ist 140 Meter lang und 30 Meter breit und wird voraussichtlich 40 Jahre lang betrieben. Umweltschützer kritisieren die Anlage und die mit ihr einhergehenden Gefahren für die Umwelt und bezeichnen die sie als „Tschernobyl auf Eis“.

Chinas Interesse an der Arktis

China ist der größte ausländische Investor im russischen Jamal-LNG-Projekt und spielt auch bei der Entwicklung der Arktispassage eine Rolle. Während sich die polaren Seewege öffnen, strebt China eine neue „Polar Silk Road“, als Teil der Belt and Road Initiative, an und zielt damit auf kürzere Transportwege, die die Transportzeiten von Asien nach Europa um Wochen verkürzen könnten, ab. Verlader, die von Shanghai nach Hamburg reisen, könnten eine Strecke von 5.200 km einsparen, wenn sie sich für die Nordseeroute gegenüber der traditionellen Seepassage über den Suezkanal entscheiden. Die Polare Seidenstraße soll sich von Shanghai über potenziell Hamburg und Reykjavik und Teile Europas und über Russlands riesige nördliche Seeroute erstrecken und sowohl die Energieressourcen, potenzielle Transportmöglichkeiten, Schifffahrt und Forschung an der russischen Küste nutzen. Im vergangenen Jahr forderte China zum Bau von Eisenbahnen, Häfen und anderen Einrichtungen in Dutzenden von Ländern auf. Derweil ermutigt China auch Unternehmen dazu, Infrastruktur aufzubauen und kommerzielle Probefahrten durchzuführen, und so den Weg für arktische Schifffahrtsrouten ebnen.

China hat außerdem seit 2013 den Status eines Beobachters ohne Stimmrecht beim Arktischen Rat, dem internationalen Forum für die Politik in der Arktis, erworben. Im vergangenen Jahr hat China seine erste Arktis-Politik veröffentlicht.



Quellen: Politico, The Atlantic, The Hill, Taipei Times, Japan Times, The Hindu, CNBC, Bellona, The State Council of the People’s Republic of China, Reuters, Zeit, Deutschlandfunk, FAZ, Badische Zeitung, BBC, CNN, The Telegraph, The Moscow Times, Business Insider, Welt, Handelsblatt

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