Geschäftsaufbau, Buchhaltung und Geschäftsperspektiven in Russland – 7 Fragen an Johannes Ausserer von Ausserer & Consultants

Über Ausserer & Consultants

Ausserer & Consultants ist ein deutsch-österreichisches Steuer- und Buchhaltungsbüro mit Sitz in Moskau, St. Petersburg und Wien. Seit der Gründung im Jahr 2012 unterstützt das Unternehmen kleine und mittelständische Unternehmen bei der lokalen Buchhaltung inklusive der Steuererklärungen, der Berichterstattung sowie dem Geschäftsauf- und Ausbau in Russland. Darüber hinaus berät Ausserer & Consultants Unternehmen bei individuellen Fragen zum Russlandgeschäft. Im September 2019 feierte das Unternehmen 7-jähriges Bestehen.


1. Ausserer & Consultants wurde 2012 gegründet. Warum haben Sie sich damals dazu entschieden sich in Russland selbstständig zu machen und wie steht es um die Zukunft des Unternehmens?

Bereits im Jugendalter, war für mich klar, dass ich mich irgendwann beruflich selbständig machen möchte. Auch in der Zeit meines Studiums in St. Gallen und Bozen blieb dieser Wunsch bestehen. Nachdem ich mein Studium in Österreich abgeschlossen hatte, beschloss ich ein Jobangebot in Russland anzunehmen und konnte dort einschlägige Erfahrungen in Buchhaltung und Steuern in Russland sammeln. Parallel dazu absolvierte ich ein Studium an der IBS Plekhanov in Moskau und nach Abschluss war es soweit: Entweder jetzt oder nie. Ich schätze mich selbst als pragmatisch ein und die damalige Wirtschaftslage verstärkte meine Entscheidung für die Selbständigkeit in Russland noch. Die Entscheidung zur Selbständigkeit habe ich seither auch nicht bereut: Es waren 7 ereignisreiche, aber auch 7 erfolgreiche Jahre.

In Zukunft wollen wir uns darauf konzentrieren unsere Dienstleistungen weiter auszubauen und uns noch mehr zu Differenzieren. Unser Hauptgeschäft ist und bleibt jedoch das Buchhaltungs-Outsourcing. Allerdings möchten wir gerade in anderen buchhaltungs-nahen Dienstleistungen wie IT und Automatisierung, Steuern und Unterstützung bei der Gründung und Mitarbeitersuche in Russland noch stärker werden.

2. Sie unterstützen Unternehmen beim Geschäftsauf- und Ausbau in Russland. Was sind die größten Schwierigkeiten, mit denen Unternehmen beim Russlandgeschäft konfrontiert sind?

Eine große Herausforderung für viele Unternehmen ist die Bürokratie in Russland. Besonders bei Geschäftsregistrierung wird man vom Umfang an Dokumenten und Anträgen anfangs buchstäblich erschlagen. Und auch dass sich die Bürokratie durch alle Business Devisions zieht, macht den Geschäftsaufbau in Russland nicht unbedingt leichter.

Dazu kommt natürlich die Sprachbarriere. Die kyrillischen Buchstaben sehen komplett anders aus und viele Russen sprechen kein oder kaum Englisch. Die enorme Bürokratie und dann auch noch auf einer anderen Sprache mit anderen Schriftzeichen stellt eine große Herausforderung dar.

Eine weitere Herausforderung für Unternehmer in Russland ist die Personalsuche. Geeignete und loyale Mitarbeiter zu finden, die über gute Englisch- oder Deutschkenntnisse verfügen, ist oft nicht so einfach. Generell ist die Personalfluktuation in Russland ziemlich hoch.

3. Welchen Ratschlag können Sie Unternehmen geben, diese Schwierigkeiten zu meistern und um in Russland erfolgreich zu sein?

Russland gegenüber herrschen sehr viele Vorurteile. Deswegen ist mein erster Tipp natürlich, dass man offen sein sollte und sich vor Ort, also in Russland, umschauen sollte. Russland hat sehr viel zu bieten!

Ein weiterer Tipp ist, dass ein großer Teil des Geschäftes in Russland Chefsache ist. Hierarchien sind hier stärker und wesentlich präsenter. Daher ist es besonders wichtig, gute Beziehungen zu den Managern und Entscheidungsträgern der Unternehmen aufzubauen. Generell wird sehr viel Wert auf die Beziehung und Zwischenmenschliches gelegt. Deshalb ist mein Tipp, unbedingt in die Beziehungen zu (potentiellen) Geschäftspartnern und Kunden zu investieren. Es lohnt sich!

Außerdem würde ich Unternehmen empfehlen sich, zumindest anfänglich, eher auf das Kerngeschäft zu konzentrieren und lokales Knowhow „dazuzukaufen“, beziehungsweise zu outsourcen. Dabei ist es besonders wichtig, auf erfahrene Partner zurückzugreifen, denn vieles läuft in Russland anders als auf dem heimischen Markt. Russland ist dynamischer und einzigartig und hat viel Potential. Daher ist ausgiebige Planung, besonders beim Markteintritt, wichtig.

4. Buchhaltung, Steuern und Berichterstattung in Russland unterscheiden sich wesentlich von Deutschland oder Österreich. Was sind die größten Unterschiede und was gibt es zu beachten?

Zum einen ist die russische Buchhaltung sehr umfangreich und formalistisch. So reicht beispielsweise eine einfache Rechnung nicht aus. Damit eine bereits bezahlte Rechnung als Aufwand verbucht werden kann, sind neben der Rechnung auch die Rechnungs-Faktura und das Übergabeprotokoll notwendig. Das russische Übergabeprotokoll – bei Dienstleistungen „Akt“ und bei Warenlieferungen „Tovarnaya Nakladnaya“ genannt – wird für erbrachte Leistung bzw. Warenlieferung ausgestellt, indem beide Parteien bestätigen, dass eine Leistung ordnungsgemäß erfüllt bzw. die Ware ordnungsgemäß übergeben wurde. Es ist aber nicht mit einem Lieferschein zu verwechseln. Um die entstandenen Ausgaben in Russland als Aufwendungen zu verbuchen und um die Umsatzsteuer als Vorsteuer abziehen zu können, müssen generell immer Rechnung, Rechnungs-Faktura und Übergabeprotokoll korrekt und übereinstimmend vorliegen.

Zum anderen sind generell die Fristen wesentlich kürzer. Erfolgsrechnung und Erklärungen müssen quartalsweise eingereicht werden und auch bei Steuern sind die Zahlungsfristen viel kürzer als in Deutschland oder Österreich.

Und schließlich: Die Hierarchie zieht sich in Russland durch alle Bereiche und hierarchische Strukturen sind auch in der Buchhaltung sehr präsent.

5. Wie unterscheidet sich Ausserer & Consultants von anderen Dienstleistern im gleichen Bereich?

Ein großer Unterschied zu lokalen Buchhaltungs- und Steuerbüros ist, dass Ausserer & Consultants durch einen „Ausländer“ geführt wird. Wir legen großen Wert auf eine effiziente „europäische“ Herangehensweise und leistungsorientiertes Arbeiten.

Zusätzlich liegt uns die persönliche Betreuung jedes Kunden sehr am Herzen. Direkte Kontakte sparen Zeit und steigern die Effizienz. Bei uns erhält jeder Kunde seine eigene, persönliche Ansprechperson die auf Deutsch, Englisch, Russisch oder Italienisch alle aufkommenden Fragen und Anliegen direkt beantwortet.

6. Zu Ihren Hauptkunden gehören Unternehmen aus Europa. In Folge der Wirtschaftlichen Krise und der Sanktionen, haben viele Europäische Unternehmen den russischen Mark verlassen. Wie hat sich die Russlandkrise auf Ihre Tätigkeiten ausgewirkt?

Die Rubelabwertung im Dezember 2014 erschwerte es unseren Kunden, importierte Produkte auf dem Markt zu verkaufen – ihre Waren wurden über Nacht doppelt so teuer. Das wirkte sich auf unsere Arbeitsbelastung aus und wir wechselten von weniger großen zu vielen kleineren Projekten. Die Krise führte zu einer Diversifikation von Projekten und Kunden und wir sind nun breiter im Markt positioniert. Für uns ist die Diversifikation und das Betreuen von mehreren kleineren Kunden, entgegen wenigen großen Kunden, auch eine Art Risikomanagement auf einem Markt, der sich schnell und häufig verändert.

7. Welche Chancen sehen Sie für Europäische Unternehmen in Russland heute, trotz schwierigen Bedingungen bezüglich der russischen Wirtschaft und Sanktionen?

Russland ist und wird auch in den nächsten Jahren ein zukunftsträchtiger und vielversprechender Markt sein. Allein durch die Größe ist der Inlandsmarkt voller Potential und in Russland wird viel und gerne konsumiert. Natürlich gibt es auf dem russischen Markt auch Herausforderungen gerade im Hinblick auf die Sanktionen und den Rubel-Wechselkurs. Allgemein ist in Russland alles sehr dynamisch, aber gerade Unternehmen mit einem Nischenprodukt und speziellem Knowhow werden aber mit Russland immer einen interessanten Markt vorfinden.


Über Johannes Ausserer

Johannes Ausserer ist Managing Partner bei Ausserer & Consultants. In Südtirol geboren ist er zweisprachig – deutsch und italienisch – in Bozen aufgewachsen. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten BBS St. Gallen (Schweiz) und Freie Universität Bozen (Italien), spezialisierte er sich in Finanz- und Kreditwesen an der Staatlichen Russischen Plechanow-Wirtschaftsuniversität. Neben Deutsch und Italienisch spricht er Russisch und Englisch.

Seit 2008 lebt Johannes Ausserer in der Russischen Föderation und arbeitet seitdem mit Schwerpunkt in Buchhaltung, Steuer- und Berichtswesen sowie Management und Unternehmensführung. Vor der Gründung von Ausserer & Consultants im Jahr 2012 leitete Johannes Ausserer als Managing Director ein europäisches Stahlbauunternehmen in der Russischen Föderation und wendete seine fachspezifischen Kenntnisse als Business Set-Up Consultant in einem deutschen Buchhaltungs- und Steuerberatungsunternehmen in Moskau an.

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