Die russische Gemeinschaft in Zürich – 7 Fragen an Natalia Maslakova

von Nina Fois, Quorus GmbH


Definition: Die Bezeichnung «Russe» lässt sich durch verschiedene Interpretationen, wie die der Ethnie oder der Staatsbürgerschaft unabhängig der ethnischen Zugehörigkeit, definieren. Die russische Gemeinschaft ist, genau wegen dieser spezifischen Merkmale, in genauen Zahlen schwierig zu bestimmen.

1. Wie würden Sie die russische Gemeinschaft beschreiben und ihre Präsenz in der Zürcher Umgebung im Allgemeinen charakterisieren (beispielsweise nach ihren sozioprofessionelle Kategorien, ihrer Lebensweise und ihrem Gewicht in der internationalen Gemeinschaft)?

Zu der im Kanton Zürich lebenden russischen Diaspora möchte ich folgendes sagen: Hier geht es nicht um „Russen“, sondern um „Landsleute“ – diejenigen, die selbst oder deren Verwandte in verschiedenen Epochen in einer geraden Linie in Russland lebten (das Russische Reich, die UdSSR und ihre ehemaligen Republiken sowie die moderne Russische Föderation). „Russische Landsleute“ verbindet eine gemeinsame russische Sprache, Geschichte, kulturelle Traditionen usw. Sie bilden die sogenannte „russische Welt“ im Ausland.

Die moderne „russische Diaspora“ in Zürich ist sehr vielfältig und aktiv. Es gibt auch einen besonderen Unterschied zu den Diaspora in anderen europäischen Ländern. Zunächst ist anzumerken, dass die Mehrheit der russischen Landsleute Personen mit Hochschulausbildung in verschiedenen Bereichen sind und dadurch der wissenschaftlichen und kulturellen Elite sowie Geschäftskreisen angehören. Es ist auch festzuhalten, dass Fachleute auf ihrem Gebiet Einladungen in die Schweiz erhalten. Sie arbeiten in Universitäten, Forschungszentren, Zeitschriften, großen Handelsunternehmen, medizinischen Einrichtungen usw.

Diese Besonderheit der russischen Diaspora ist eine historische Gegebenheit. Zürich hatte immer eine besondere Bedeutung für die Russen – vom Handel- und wirtschaftlichen Zentrum bis zum wissenschaftlichen Zentrum. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts haben die «hohen Gäste» aus dem Russischen Reich begonnen nach Zürich zu kommen und sich mit Zürich vertraut zu machen. Insbesondere besuchten der Erbe des Russischen Throns, Pavel Petrovich, mit seiner Frau unter dem Pseudonym «Fürst des Nordens» und der zukünftige Kaiser Paul I. Zürich. Auf Ihn folgte Anfangs des 19. Jahrhunderts sein Sohn – der russische Kaiser Alexander I.

Pixabay – Zürcher Innenstadt

So kam es, dass Menschen nach Zürich reisten und lebten, die der wissenschaftlichen und kulturellen Elite Russlands angehörten. Insbesondere der Historiker Nikolai Karamzin, der Schriftsteller Leo Tolstoi, der Landschaftsmaler Ivan Shishkin, und die Philosophen Ivan Iljin und Nikolai Berdyaev. Schließlich ist auch die «Nachbarschaft» von Zürich mit der Leistung des hervorragenden russischen Kommandanten Alexander Suvorov verbunden. In diesem Jahr jährt sich zum 220. Mal der Jahrestag des Kriegszugsbeginns von A. Suvorov im Auftrag der österreichischen, englischen und russischen Herrscher, die Französischen Truppen Napoleons aus Zürich zu vertreiben.

Viele Frauen des Russischen Reiches kamen nach Zürich, um eine Hochschulbildung zu absolvieren. Darunter Nadezhda Suslova im Jahr 1867. Sie verteidigte ihre Dissertation und war die erste russische Frau, die ein Doktordiplom erhielt. Schließlich sei auch die «russische revolutionäre Vergangenheit» in Zürich zu erwähnen. Hier, in der Stadt an der Limmat wurde ein Kreis russischer Revolutionäre gebildet, der die besten Köpfe des revolutionären Denkens umfasste. Dazu gehörte Vladimir Lenin, der zukünftige Führer des sowjetischen Russlands, sowie berühmte Revolutionäre wie Michail Bakunin, Anatoly Lunacharsky (der zukünftige Volkskommissar für Bildung des sowjetischen Russlands), Alexandra Kolontay (die erste Diplomatin des sowjetischen Russlands) und viele andere.

Später behielt Zürich seine Offenheit für Exilanten bei. Der berühmte russische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn sowie der berühmte russische Radfahrer Mstislav Rostropovich und die Opernsängerin Galina Vishnevskaya besuchten Zürich während ihres Exils aus der UdSSR. Heute erscheint in Zürich die Zeitung «Russische Schweiz», welche sich bei unseren Landsleuten grosser Beliebtheit erfreut.

Generell war die «russische Diaspora» in Zürich schon immer ein Aufenthaltsort der wissenschaftlichen, kulturellen und sogar politischen Elite. Aber das ist ein großes Thema, welches ich hier nicht weitere erörtern werde.

Neben russischen gibt es so etwas wie die „orthodoxe Welt“. Nur wenige Schweizer wissen Bescheid, aber Zürich beheimatet auch die orthodoxe Auferstehungskirche Christi, welche von mehr als 200 Menschen besucht wird. Die orthodoxe Gemeinde in Zürich existiert seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Pfarrei befand sich lange Zeit in einer gewöhnlichen Wohnung eines der Wohngebäude. Das neue Gebäude für die Kirche wurde im Jahr 2001 gekauft, und im Jahr 2002 fand die Weihung der Kirche zu Ehren der Auferstehung Christi statt. Es ist bemerkenswert, dass die Kirche von Cyril, dem damaligen Metropoliten von Smolensk und Kaliningrad und dem gegenwärtigen Patriarchen von Moskau sowie ganz Russland geweiht wurde.

Natalia Maskalova bei einem Vortrag im Juni 2019

 2. Wie erleben die russischen Neuzugezogenen Zürich und Umgebung – sei es als Studenten, als Lebenspartner von Schweizer Bürgerinnen oder Bürgern, oder als von einem Unternehmen angestellte Mitarbeiter? Welches Gefühl dominiert im Allgemeinen: Sehnsucht nach Russland? Anregung für ein neues Leben? Schwierigkeit, sich in eine im «Zürcher Dialekt» sprechenden Bevölkerung zu integrieren?

In dieser ziemlich komplexen Frage sollte man das Alter einer Person berücksichtigen. Für die junge Generation von «russischen Landsleuten», die zum Studieren oder Arbeiten nach Zürich kommen, ist die Entwicklung ihrer beruflichen Tätigkeit und Karriere entscheidend. Junge Menschen gewöhnen sich leicht an neuen Bedingungen und betrachten die Schweiz als ihre zweite Heimat, ohne dabei natürlich Russland zu vergessen. Die ältere Generation, die zu Sowjetzeiten lebte, kennt das nur schwer zu vergessende «Konzept der Heimat und des Heimatlandes», sowie starke Gefühle von Heimweh nach der Heimat. Ich wurde zum Beispiel in Moskau geboren, wo ich studierte, verbrachte aber die meiste Zeit im Ausland, arbeitete in Deutschland, Österreich und Frankreich und jetzt bin mit einem Schweizer verheiratet und lebe seit langem in zwei Ländern – Russland und der Schweiz. Wenn ich von Moskau wegfliege, sage ich – ich fliege nach Hause nach Zürich. Viele meiner Freunde sind überrascht und fragen, ob nicht Moskau mein Zuhause sei. Ich antworte ihnen – nicht mehr. Zürich ist zu meinem Zuhause geworden, etwas in meinem Inneren hat sich wohl verändert seit ich (auch) in Zürich lebe. Moskau ist eine Großstadt und eine Kulturmetropole, mit der Schweiz respektive Zürich nur sehr schwer zu vergleichen. Wenn ich Moskau besuche, vermisse ich Zürich. Ich denke, dass viele meiner Landsleute, die in Zürich eine Heimat gefunden haben, dieses Gefühl auch kennen.  

3. Gibt es lokale, bzw. regionale Organisationen, die die Integration der «Russen» auf verschiedenen Ebenen des Zürcher Lebens fördern? Was können die neuzugezogenen «Russen» erwarten, respektive auf was müssen Sie «verzichten»?

Natürlich gibt es in Zürich wie in jeder anderen Stadt der Schweiz regionale Organisationen, die Immigranten aus Russland zusammenbringen. Einen herausragenden Platz nimmt hierbei die Auferstehungskirche in Zürich ein, in der verschiedene Vereine tätig sind. Ausserdem gibt es auch den „Literarischen Club“ in Zürich, die russische Schule und den Kindergarten „Matryoshka“ und viele andere. Aber heutzutage sind soziale Netzwerke und Online-Kommunikation sehr beliebt. Es gibt sogar Online-Shops mit russischen Produkten.

Das Haupthindernis für die Integration ist mangelnde Kenntnis der deutschen Sprache oder des Schweizerdeutschen. Dies schränkt die Integrationsphase in der Schweiz erheblich ein. Ich würde denjenigen empfehlen, die in die Schweiz gekommen sind, zunächst mit der Sprache zu beginnen, dann wird alles andere einfacher. Wir müssen lernen, in einer multinationalen Schweizer Gesellschaft zu leben, und dürfen uns nicht ausschliesslich in den Kreisen unserer Landsleute bewegen und so isolieren. Die Schweiz, ihre soziale Struktur, Gepflogenheiten und die „Schweizer Ordnung“ müssen wir studieren, verstehend und vor allem versuchen, hier wie in unserer zweiten Heimat zu leben. Dann wird die Schweiz kein Auswanderungsland, sondern eine Heimat. Dies ist mein persönlicher Rat, aber, jedem steht die Wahl seines eigenen Weges frei.

4. Die Schweiz und Russland sind historisch eng verbunden. Die Spuren der Tessiner Architekten sind in der architektonischen Gestaltung von St. Petersburg immer noch präsent; die militärischen Errungenschaften vom General Suvarov sind in verschiedenen Denkmälern verewigt; die Schweizer Bibliotheken und die Stadt Zürich spielten unmittelbar vor der russischen Revolution vom 1917 eine wichtige Rolle im Leben des ehemaligen revolutionären Führers. Mit welchen Instrumenten werden die Beziehungen zwischen den beiden Ländern, mit Fokus auf Zürich, gepflegt?

Das wichtigste Instrument zur Aufrechterhaltung und Pflege der Beziehungen zwischen den Ländern ist die „kulturelle Brücke“ oder das „kulturelle und historische Erbe“ der beiden Länder. Weil ich seit langem auf dem Gebiet der Kultur arbeite, möchte ich Ihnen ein paar Elemente nennen, welche dem kulturellen Brückenbau Vorschub leisten:  Zusammenarbeit zwischen Museen, insbesondere mit dem Nationalmuseum der Schweiz, Organisation von Ausstellungen zu gemeinsamen historischen Ereignissen und berühmten Persönlichkeiten sowie Konzerte von russischen und Schweizer Künstlern. Musik wurde immer ohne Übersetzung verstanden. Während heute insbesondere in den politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Russland Spannungen und antirussische Sanktionen vorherrschen, sollten Kultur und Kunst von diesen Sanktionen ausgenommen sein und eine «vermittelnden» und «versöhnende» Rolle spielen, um den Boden für eine erneute Annäherung zu ebenen. Die Schweizer wissen wenig über Russland, und die Russen wissen wenig über die Schweiz. „Dialogplattformen“ d. h. Orte, an welchen gemeinsame Seminare und Tagungen durchgeführt werden können, sind wichtig damit man von voneinander lernen kann und so auch lernt die jeweils andere Seite besser zu verstehen. Auch wichtig ist natürlich der Tourismus.

5. Welches sind die Lehren, mit Blick auf Russland und auf die Schweiz, die Sie aus ihrer langjährigen Erfahrung im diplomatischen Umfeld «mitgenommen» haben?

Meine langjährige diplomatische Arbeit hat mich gelehrt, einen Weg zu finden, eine andere Person zu verstehen, diese Fähigkeit ist wahrscheinlich das Wichtigste, das ich aus dieser spannenden und intensiven Zeit mitnehmen durfte, neben vielen weiteren bereichernden Sachen. Wir sind sehr unterschiedlich – Russen und Schweizer. Die Hauptsache ist, sich zu verstehen, nicht neu zu erfinden, sondern einfach zu verstehen. Mangelnde Kenntnis und mangelndes Verständnis führten und führen zu viele Mythen über Russen. So sagen diese, dass die Russen viel Wodka trinken, unfreundlich, manchmal unhöflich sind usw., dem ist natürlich nicht so. Wer Russland besuchen konnte, hat meist viel Gutes über die Russen erfahren. Umgekehrt gibt es auch viele Mythen über die Schweizer, diese seien zurückhaltend, umsichtig, pragmatisch und auch unfreundlich. Auch die Schweizer muss ich verteidigen und sagen, dass dies nicht der Fall ist. Die Schweizer können offen und hilfsbereit sein – die direkte Demokratie hat sich auf die Gesellschaft ausgewirkt. Hier ist jeder gleich, es gibt keine offensichtlichen Privilegien, auch die Bürokratie in der Schweiz ist sehr flexibel. In meinen Vorträgen in Russland und im Ausland widme ich der interkulturellen Kommunikation, die in der heutigen Zeit sehr wichtig ist, besondere Aufmerksamkeit.

6. Durch ihre Aktivitäten fördern die Schweizer Firma «InterKulturForum GmbH» und  die «Assoziation für interkulturellen Dialog und geostrategische Studien» den interkulturellen Dialog auf verschiedenen Ebenen, wie unter anderem auch derjenigen der Diplomatie. Welche Rolle spielen diese Organisationen für das kulturelle Angebot der russischsprachigen Gemeinschaft in Zürich und Umgebung?

Unser Unternehmen ist klein, konnte sich aber mit seinen Veranstaltungen bereits in Zürich etablieren. Unsere Aktivitäten konzentrieren sich auf Ereignisse des „kulturellen und historischen Erbes“. 2017 konnten wir im Nationalmuseum in Zürich das «Diplomatenforum» zum Thema «Die russische Revolution von 1917: Moderne Einschätzungen von Historikern, Wissenschaftlern und Diplomaten» durchführen. 2018 haben wir eine Veranstaltung organisiert, die dem russischen Schriftsteller Ivan Turgenev gewidmet war und einen Film zeigte, der auf seinem Roman in deutscher Sprache basiert. Heute bereitet unser Unternehmen einen Zyklus von Kulturveranstaltungen im Rahmen des Programms „Diplomatie und Kultur“ vor, das ein umfangreiches Programm von Konzerten bis hin zu runden Tischen vorsieht. Wir hoffen, alles realisieren zu können. Ohne einen gemeinsamen Dialog kann es kein Verständnis geben. Unser Hauptziel ist es durch Anregung des Dialoges das Verständnis Schweiz – Russland und Russland -Schweiz zu fördern. .

Die «Assoziation für interkulturellen Dialog und geostrategische Studien» ist noch neu und wird erst an den jetzt geplanten Aktivitäten teilnehmen. Der Verein soll dabei Aufgaben übernehmen, die besser von einem gemeinnützigen Verein als von einem kommerziellen Unternehmen ausgeführt werden. Thematisch sind die Aufgaben aber ähnlich, nämlich interkulturelle Beziehungen zu fördern und internationale Abhängigkeiten verständlich zu machen. 

Über Natalia Maslakova

Natalia Maslakova ist Professorin an der diplomatischen Akademie des russischen Außenministeriums und Leiterin des Zentrums für öffentliche Diplomatie und Weltkulturen sowie des Internationalen Diplomatischen Forums. Sie ist Mitgründerin des Schweizer Unternehmens «InterKulturForum GmbH» und der «Assoziation für interkulturellen Dialog und geostrategische Studien». Ihre facettenreichen Fachkompetenzen als Politologin, Historikerin und Diplomatin setzt Natalia Maslakova mit der Organisation von Veranstaltungen und Aktivitäten im kulturellen und humanitären Bereich in Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen, in die Praxis um. Seit zehn Jahren lebt sie zwischen Moskau und Zürich und kennt die lokale russische Gemeinschaft und ihre Merkmalen sehr gut.

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