Big Push im Sportbusiness – wo steht der russische Fußball ein Jahr nach der WM?

von Jonas Prien, Business Development und Marketing Intern bei Ausserer & Consultants

In den vergangenen Wochen tauchte der russische Fußball häufiger in deutschen Medien auf. Die Gründe dafür waren unterschiedlicher Natur: Austragungsorte, Trainerwechsel und EM-Qualifikation. Höchste Zeit, einen genaueren Blick auf das Geschehen auf und neben dem Platz zu werfen und die Frage zu stellen, ob die WM das russiche Fußball-Business nachhaltig verändern konnte.

Nicht einmal zwei Jahre nach dem Abpfiff der Fußballweltmeisterschaft 2018 wird im kommenden Sommer der Ball wieder auf russischem Rasen rollen, denn drei Vorrundenspiele und ein Viertelfinale der UEFA Europameisterschaft werden in Russland stattfinden. Dabei wird der modernste Fußballtempel des Landes – die Gazprom-Arena in St. Petersburg – wieder ihre Tore für Fußballfans aus ganz Europa öffnen. Das Stadion selbst, hochmodern und runderneut mit über 68.000 Plätzen, kann sich neben den anderen Ausrichtern aus Rom, München, Budapest, Dublin, London, Bilbao, Glasgow, Amsterdam, Baku, Bukarest und Kopenhagen sehen lassen. Da kommt die Nachricht von der geglückten EM-Qualifikation der Sbornaja, die als zweites Land nach Belgien sicher dabei sein wird, wie gerufen. Der gewohnt markante, schnauzbärtige Nationaltrainer, Stanislaw Tschertschessow, will von ausgelassener Partystimmung allerdings nichts hören, „feiern können wir, wenn wir den Pokal in den Händen halten oder eine Medaille um den Hals tragen.“ [1]

Das Luschniki Stadion in Moskau ist die größte Sportarena des Landes

Wenn der Trubel im kommenden Sommer vorbei sein wird, steht aber bereits das nächste Event an: das Champions League Finale 2021. Nach dem CL-Finale 2008 zwischen Manchester United und dem FC Chelsea im Luschniki-Stadion in Moskau ist dies erst die zweite Ausrichtung in dieser Spielklasse in Russland.

Es klingt, als reite das Land weiter auf der Euphoriewelle, die bei der vergangen WM ihren Anfang nahm. Doch ein Jahr nach der WM schaut das Resümee über die wirtschaftliche Nachhaltigkeit geteilt aus. Während in den beiden Vorzeigestädten Moskau und St. Petersburg die Nutzung der Stadien durch internationalen Fußball, bombastische Konzerte (z.B. Rammstein, Metallica, Muse und Bon Jovi in diesem Sommer) gesichert scheint, sieht die Lage in den kleineren Städten gänzlich anders aus. Städte, wie Saransk, Samara und Wolgograd, stehen vor dem Problem ihre Anlagen nicht zu Bauruinen verkommen zu lassen – eine Herkulesaufgabe.

Mehr als 14 Milliarden US-Dollar hat sich Russland die Fußball-Weltmeisterschaft kosten lassen. Davon wurde etwa die Hälfte für Infrastrukturprojekte wieder der Flughafen Saransk oder der Platow-Airport in Rostow ausgegeben – auch die Rostow-Arena wurde für 270 Millionen Dollar neu gebaut. Diese werde noch bis 2024 zum größten Teil aus Moskau finanziert, danach soll sie sich selber finanzieren. Dazu sagte Rostows Sportminister, Samwel Arakeljan, in einem Interview, „etwa eine Hälfte der Einnahmen werden Fußballspiele ausmachen. Und unser Plan ist, dass die zweite Hälfte bis zum Jahr 2024 aus anderen Bereichen kommen wird, einschließlich Ausstellungen, Gastronomie, Hotellerie, Fitness-Zentren“. Die Begeisterung für den Fußball erkennt Arakeljan auch an der Zahl neuer Amateure, „2018 haben bei uns in der Region im Vergleich zu 2017 12.000 Menschen mehr Fußball gespielt. Insgesamt zählen wir 126.000 Fußballspielende“. Die steigenden Zuschauerzahlen im Stadion lassen auf ein Gelingen des Projekts hoffen, denn aktuell besuchen im Schnitt etwa 31.000 Besucher die Spiele des FK Rostow (vorher waren es nur etwa 8500). [2]

An der Wolga liegt das Stadion des FC Nishni Novgorod

In den Stadien des FC Nishni Novgorod und Baltica Kaliningrad lassen sich ähnlich hohe Anstiege feststellen. Die Zuschauer bekommen dabei auch Einiges zu sehen.[3] Die Premjer-Liga ist zwar international nicht die stärkste Liga, belegt aber nach den Top-Ligen aus Spanien, England, Italien, Deutschland und Frankreich aktuell den sechsten Platz der UEFA-Fünfjahreswertung. Darüber hinaus bietet eine Fülle an namhaften Spielern wie die Ex-Dortmunder André Schürrle und Maximilian Philipp, Douglas Santos vom HSV, Malcolm aus Barcelona, Jefferson Farfan und Benedikt Höwedes von Schalke und zahlreiche russische Nationalspieler. Seit Anfang dieser Woche steht mit Domenico Tedesco sogar ein ehemaliger Bundesligatrainer an der Seitenlinie bei Spartak Moskau.

Ein großes Problem bleibt trotzdem die Divergenz zwischen Mannschaften aus Metropolen und Provinzstädten. Während kleinere Teams aus den Republiken Dagestan, Baschkortostan oder Tambow finanziell oft an ihre Grenzen gehen müssen, können sich die großen Teams aus den beiden Hauptstädten auf die Geldströme ihrer gigantischen Sponsoren verlassen: Spartak Moskau (Lukoil), Zenit St. Petersburg (Gazprom), Dynamo Moskau (Wneschtorbank) und Lokomotive Moskau (Eisenbahngesellschaft RZD). Um diese Unverhältnismäßigkeit zu limitieren, schlug Präsident Vladimir Putin zuletzt vor, dass alle Sponsoren in einen gemeinsamen Fonds zahlen sollten, aus dem das Geld proportional auf die Vereine verteilt wird. Unabdingbar für den Erfolg ist eine hohe Attraktivität der Spiele, um möglichst hohe Ticket und Merchandising zu generieren. Eine mögliche Reform zugunsten der Provinzen ist daher im Sinne des russischen Fußballs sehr zu begrüßen.

Gute Stimmung bei Lokomotive Moskau – insbesondere wenn die CL-Gegner Juventus Turin, Bayer Leverkusen oder Atletico Madrid heißen

Zweifellos hat die Weltmeisterschaft Russland mit riesigen Investitionen in das Fußball Business und in die Infrastruktur etwas verändert. Ob dieser Big Push langfristig die Initialzündung oder nur ein kurzer Funke für den russischen Fußball war, werden die kommenden Saisons zeigen. Die regionalen Verantwortlichen stehen vor großen Herausforderungen, die sie wie im Falle Rostows nur gemeinsam mit lokalen Partnern und großen Anstrengungen meistern können – aber auch eine tolle Chance für die Provinzen zu zeigen, dass Russland nicht nur Moskau und St. Petersburg ist.

[1] https://www.sueddeutsche.de/sport/fussball-polen-lassen-korken-knallen-russland-setzt-feier-fort-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-191014-99-288743

[2] https://www.tagesspiegel.de/sport/die-fussball-wm-2018-und-ihre-folgen-russlands-teure-initialzuendung/24592038.html

[3] https://www.deutschlandfunk.de/ein-jahr-nach-der-fussball-wm-russlands-schwierige-rechnung.1773.de.html?dram:article_id=451381

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