Feinster Wein aus Russland – 7 Fragen an Marina Burnier, Domaine Burnier

Das „Domaine Burnier“ ist familiengeführtes Weingut an der russischen Schwarzmeerküste. Gegründet wurde es 2001 vom Schweizer Winzer Renaud Burnier, der zusammen mit seiner Frau Marina und der Tochter Alexandra-Maria nach Russland mit dem Ziel auswanderte, authentische Weine herzustellen, „die es wert sind, Russland in der ganzen Welt zu repräsentieren“.

von Jonas Prien, Business Development and Marketing Intern bei Ausserer&Consultants

Über das Domaine Burnier

Die Winzerfamilie Burnier: Marina, Alexandra-Maria und Renaud Burnier

Das „Domaine Burnier“ ist familiengeführtes Weingut an der russischen Schwarzmeerküste. Gegründet wurde es 2001 vom Schweizer Winzer Renaud Burnier, der zusammen mit seiner Frau Marina und der Tochter Alexandra-Maria nach Russland mit dem Ziel auswanderte, authentische Weine herzustellen, „die es wert sind, Russland in der ganzen Welt zu repräsentieren“. Ihre Philosophie basiert auf den drei Säulen Natürlichkeit, Exzellenz und Beständigkeit. Mittlerweile zählt das Sortiment acht verschiedene Weine, u. a. die international bekannten Chardonnay, Cabernet Sauvignon und Merlot, aber auch traditionelle, russische Krasnostop.

1. Was war das ausschlaggebende Argument aus der Schweiz ausgerechnet an die russische Schwarzmeerküste zu ziehen?

Mein Mann Renaud kommt ursprünglich aus der Schweiz vom Murtensee in der Nähe von Neuchâtel, dort baut seine Familie seit über drei Jahrhunderten Wein an. Für meinen Mann war es daher klar, die Traditionen im Weinanbau der Familie fortzuführen. Die Motivation nach Russland auszuwandern, hängt sicherlich auch vom Charakter ab. Wenn also jemand offen für Neues und auch etwas abenteuerlustig ist, und dazu noch Knowhow mitbringt, dann möchte man dieses nutzen, um etwas zu realisieren. Es gibt natürlich Leute, die ein ruhigeres Leben führen wollen, aber auch welche, die Lust auf eine Aventüre haben. Ich denke, mein Mann war immer voller Tatendrang und begann schon in der Schweiz viele Initiativen (z. B. ökologischer Weinanbau, Tag der offenen Tür im Weinkeller und Ausstellungen mit Künstlern). Somit war es für ihn mit diesem Charakter auch immer interessant, etwas in Russland zu starten.

Weinberge an der Schwarzmeerküste, ein ideales Terroir für Exzellenzwein

Wir sind im Jahre 1995 nach Moskau gekommen und Renaud hat bemerkt, dass es hier keinen russischen Wein gibt. Dies überrauschte ihn, da er aus seiner Studienzeit von den sehr guten Möglichkeiten für Weinanbau im Süden Russlands wusste. Daher sind wir an das Schwarze Meer gereist und er hat gesehen, dass es zwar ausgezeichnete klimatische und geologische Bedingungen gibt, aber kein Geld, keine Strukturen und keine Expertise.

Die Region um das Schwarze Meer ist in der Welt nicht sehr bekannt. Vor ein paar Jahrhunderten wurde hier von den Tscherkessen (Adygen) autark sehr naturnahe Landwirtschaft betrieben. Die Menschen glaubten an eine enge Verbindung von Natur und Kosmos. Sie besaßen auch wunderbare Sorten von Früchten und Gemüse, von deren besonderer Qualität Besucher der Region schrieben. Doch diese Sorten gingen nach Vertreibung der Tscherkessen größtenteils verloren.

Aber es gab auch verschiedene Gesellschaften insbesondere in St. Petersburg (darunter der berühmte Botaniker und Forscher Nikolai Iwanowitsch Wawilov), die sich sehr dafür einsetzten, dass die alten Sorten erhalten werden. In der Zarenzeit versuchte man bereits, etwas dahingehend zu machen, aber erfolglos. Trotzdem erkannten viele Agronomen, auch jene, die den bekannten Krimsekt herstellten, dass am Schwarzen Meer wunderbare Bedingungen herrschen. Anschließend kam die Sowjetzeit, die dafür bekannt war, eine unglaubliche Quantität bei geringer Qualität herzustellen. Auch wurden Trauben meist nicht für die Weinproduktion verwendet. Die Relikte dieser Zeit haben wir bei unserer Ankunft noch gesehen: alles war riesengroß; aber ohne Kenntnisse über den Weinanbau. Die Produktion im russischen Süden wurde nie auf ein gehobenes Niveau gebracht.

2. Gerade in den 90er Jahren galt Russland nicht wirklich als wirtschafts- und einwandererfreundliches Land, wie sind Sie trotzdem dazu gekommen?

Renaud interessierte sich immer sehr für Russland, vor allem für die Musik, die russischen Komponisten und die Geschichten aus der Zarenzeit, die seine Großtante ihm als Kind erzählte. Als er dann auch noch sah, wie schön die Natur für den Weinanbau ist, hatte er die Idee damit anzufangen. Denn die Natur erlaubt es, qualitativ hochwertige Weine für den internationalen Markt herzustellen. Wenn man als professioneller Winzer dieses großartige Terroir sieht, kann man nur schwer widerstehen, ein Projekt zu starten – uns waren der bürokratische Aufwand und die Kosten nicht sehr wichtig. In der Schweiz ist man sehr beschränkt, da das Land knapp ist und die verfügbaren Orte sehr umkämpft sind. Trotzdem dachten unsere schweizerischen und russischen Freunde, wir seien verrückt. Natürlich ist das Ganze mit großem Risiko verbunden, aber wenn man nur dieses sieht, dann lässt man es auch sein. Warum stellen Sie auch Weine aus einheimischen russischen Traubensorten (Krasnostop Zolotovskij) her, gibt es für Sie auch eine regionale Verantwortung?

Für uns bedeutet die Weinproduktion nicht einfach nur Business, sondern es ist vielmehr eine Art von Kunst. Deshalb suchen wir oft den Kontakt zu verschiedenen Künstlern und erarbeiten gemeinsame Projekte – anders als die Weinindustrie. Wenn ich zurückblicke, denke ich, dass es schon eine Art roten Faden in unserer Geschichte gibt. Als wir im Jahre 1995 nach Moskau gekommen waren und Renaud die Idee mit dem Weinanbau hatte, gab es für uns noch keinen Kontakt zum russischen Süden. Über unseren Wein aus der Schweiz haben wir dann 1999 Leute aus Krasnodar kennengelernt, die uns mit dem Institut für Weinanbau in Krasnodar vertraut machten. Bei der ersten Wanderung durch die Weinberge des Instituts hat mein Mann Renaud eine Traube probiert, ausgerechnet Krasnostop – er sagte: „Das ist unglaublich! Keiner meiner Kollegen aus der Schweiz wird glauben, dass es in Russland solche Trauben gibt“. Traditionell erkennen Winzer die Qualität und die Reife der Trauben allein am Geschmack, selbst moderne Analysemethoden eignen sich nicht dazu. Ich erinnere mich so gut, wie verblüfft er über den Geschmack war, als uns die russischen Agronomen über Krasnostop erzählten, dass daraus kein Wein sondern lediglich Farbe hergestellt wurde,. Sie interessierten sich mehr für europäische Sorten, aber Renaud war sofort von dem Potenzial der russischen Trauben überzeugt.

Internationale Sorten gibt es überall auf der Welt, aber was die einzelnen Regionen unterscheiden, sind die lokalen Sorten – das Bewusstsein dafür wird heute immer größer. Als wir dann unser Land gefunden hatten, haben wir Krasnostop auch als Erstes angebaut.

3. Es gibt sicher Unterschiede in der Kommunikation und in der Arbeitsweise zwischen russischen Mitarbeitern und Schweizer Experten zur Weinherstellung, die zu Problemen führen, wie werden diese gelöst?

Die meisten Beschäftigten sind Einheimische und kommen aus unserem Dorf namens Stanitza Natuhaevskaja. Wir haben nicht viele Leute, aber diese sind uns seit Jahren treu – wie in einer Familie. Für uns ist es wichtig, dass wir möglichst dieselben Mitarbeiter wie in der Vorsaison beschäftigen, da diese unsere Anforderungen besser verstehen. Am Anfang haben wir auch Saisonarbeiter aus z. B. Dagestan eingeladen, aber wir wollten lieber mit Leuten aus der unserer Region zusammenarbeiten – auch um einen Bezug zu den Weinbergen herzustellen.

Natürlich gab es Probleme gerade am Anfang. Wir nutzen beispielsweise die grüne Traubenlese, das bedeutet, dass nichtreife Trauben vor der eigentlichen Lese abgeschnitten werden, um bessere Qualität für die verbliebenen Trauben zu erhalten. Das war für manche unserer Mitarbeiter ein Schock, da es sowas in der Sowjetzeit nicht gegeben hätte. Sie hätten ja das ganze Jahr an dem Weinberg gearbeitet und jetzt sollten sie einen Teil einfach davon abschneiden. Wichtig war es in solchen Situationen, die Gründe in Ruhe zu erklären. Und nicht nur das, sondern auch ganz exakt zu zeigen, wie es sein soll. Das systematische Denken und die Logik sind anders ausgeprägt als in der Schweiz. Daher haben wir festgestellt, dass man die Zeit nehmen muss, alles genauestens zu klären, weil dann das Ergebnis auch sehr gut ist. Zwar sind die Lohnkosten hier nicht so hoch wie in der Schweiz, dafür brauchen wir für manche Aufgaben fünf lokale Mitarbeiter und in der Schweiz einen. In Deutschland und in der Schweiz sind die Menschen es gewohnt, alles sehr genau zu machen, das ist hier nicht unbedingt der Fall. Man muss ständig alles kontrollieren. Durch die Erfahrungen mit unseren Leuten ist jetzt vieles einfacher geworden.

Besonders hervorzuheben ist in Russland das Arbeiten an einer gemeinsamen Idee – vielleicht auch aus der Sowjetzeit. Teamarbeit funktioniert hier sehr gut. Wenn ein Team ein klares Ziel sieht, dann entsteht auch eine tolle Motivation dafür, z. B. exzellenten russischen Wein herzustellen. Was ich auch bemerkt habe, dass hier niemand Stunden auszählt, Bereitschaft für Mehrarbeit auch am Wochenende oder abends fast immer da ist und Geld oft nur nebensächlich ist.

4. Wie wird russischer Wein in Europa wahrgenommen, da Russland wohl kaum mit exzellentem Wein als mit dem Wässerchen assoziiert wird? Welche Strategie haben Sie, um russischen Wein bekannter zu machen?

Für uns ist dies die schwierigste Aufgabe. Denn, einerseits ist Weinanbau in Russland ein Trend geworden, plötzlich hat jeder Weinberge und Weinkeller. Aber kaum jemand hat Kenntnisse vom Anbau, geschweige denn eine langfristige Vision für die Zukunft. Außerdem gibt es gigantische Fabriken, die Millionen Liter herstellen können. Auch die Einfuhr von offenem Wein ist legal – dort wird Wein aus Chile oder Südafrika mit großen Schiffen importiert, in Russland abgefüllt und gilt dann als „Russischer Wein“ – oft im schlechten Zustand und sehr billig. Daher gilt vermeintlich russischer bei den Kunden oftmals als nicht sehr geschmackvoll. Viele Leute, auch Freunde von mir aus Russland, hochgebildet und multilingual, verstehen die Unterschied zwischen den Weinen nicht.

Wichtig für den Verkauf ist es, dass die Kunden bereits Rezeptoren entwickelt haben, um den Wein einordnen zu können. Wenn man noch nie einen guten Wein getrunken hat, ist es schwer den Unterschied zu schmecken oder zu vergleichen. Kommt dann noch ein komplexer Wein, ist man gänzlich verloren.

In Europa ist es viel einfacher für uns unseren Russischen Wein zu verkaufen. Wir müssen gar nicht viel erklären, die Leute probieren unseren Wein und sofort verstehen, dass es ein natürliches, richtig klassisches Produkt ist.

Fehlt Russland eine Weinkultur? Wie könnte man eine solche etablieren?

Dem stimme ich zu. Ich denke das fehlt Russland etwas, den Wein zu verstehen. Wenn man anfängt, Wein zu trinken, sinkt auch gleichzeitig der Verbrauch von starkem Alkohol. Es ist wichtig dies zu entwickeln, allerdings ist es ein sehr langer Prozess. Ich habe zum Beispiel am heutigen Tag drei verschiedene Veranstaltungen, um das Bewusstsein und die Bekanntschaft der russischen Weinkultur zu verbessern.

Wein ist ein Getränk, welches sehr mit Emotionen verbunden ist. Daher suchen wir auch gerne den Kontakt zu Künstlern und haben bereits gemeinsame Projekte unternommen, vor allem mit der Musik. Wir sind zum Beispiel Sponsor des Moskauer Konservatoriums und außergewöhnlichen Veranstaltungen von Musical Olympus Culture Foundation. Wein verbindet Menschen und wird überall gebraucht. Wir suchen uns speziell Leute, die mit uns auf der gleichen Wellenlänge sind.

5. Was unterscheidet die Vermarktung in Russland und Europa?

Es gibt immer mehr russische Qualitätsweine. Mit einigen Produzenten haben wir uns zusammengeschlossen, um eine Marke für russischen Exzellenzwein zu erstellen. Das Besondere am Wein ist, dass es ein sehr internationales Produkt ist. Allein in Deutschland findet man beim Öffnen der Weinkarte Weine aus der ganzen Welt. Viele neue Marken etablieren sich, wie z. B. Wein aus Israel, Uruguay und Paraguay, auf einem Markt, der vor zehn Jahren klar von Frankreich, Spanien und Italien dominiert war. Wie ich dies sehe, sollte im Sortiment auch russischer Wein stehen; von den Naturbedingungen sind die Möglichkeiten deutlich besser als in vielen anderen Ländern.

Ich denke, man kann in fast allen Ländern der Welt, in den Trauben reifen können, guten Wein herstellen. Die Sorten unterscheiden sich in ihrer Komplexität und Schwere aufgrund der Sonneneinstrahlung und mit der richtigen Ausrüstung, der Philosophie und des Knowhows kann es funktionieren. Die Vielfalt finde ich sehr spannend.

Es ist wichtig zu wissen, welcher Produzent hinter dem Produkt steht. Was ist seine Philosophie? Ist es mit der Natur verbunden? Ist es mit Liebe und Hingabe verbunden? Dann ist dies ein guter Wein. Wenn es allerdings industriell hergestellt wurde und nur mit eienm schönen Etikett ausgestattet ist, kann es kein richtig guter Wein sein. Dann sollte man lieber Wasser trinken.

6. In Russland gab es bereits viele Kampagnen, die zur Nüchternheit der Menschen aufrufen, schon unter Gorbatschow in den 80er Jahren. Wie kann man Menschen vom Genussmittel Wein überzeugen?

Traditionelle russische, und internationale Sorten werden hier gepflanzt

In vielen Bereichen muss man die Menschen davon überzeugen, dass Qualität besser als Quantität ist, nicht nur beim Thema Wein. Ein Thema, das mich sehr interessiert, ist Wein und Gesundheit. Ich bin überzeugt, wie auch die wissenschaftlichen Gesellschaften in der Zarenzeit, dass es viele Sorten gibt, die in Maßen einen hohen medizinischen Wert für den Menschen haben. Es wurde bereits belegt, dass qualitativ hochwertiger, natürlicher Wein viele wertvolle Substanzen enthält. Sogar in der Schweiz gibt es alte Traditionen in Winzerfamilien, Erkrankten vor dem Schlafengehen heißen Rotwein zu geben – ein super Medikament.

In Russland haben wir das Problem des Werbeverbots für Alkohol. Wein wird so auf eine Ebene mit Wodka gestellt und das schreckt manche Kunden oder Händler natürlich ab. In meinen Augen ist das nicht richtig, da guter Wein kein Rauschmittel darstellt. Darüber hinaus benötigt man verschiedene Lizenzen für den Weinverkauf und auch Lagerung, was den Verkauf schwieriger macht.

 Wein bringt die Leute zusammen. Schon die Griechen haben gesagt, dass Wein eine besondere Funktion für die Gesellschaft hat, um Menschen zusammenzubringen. Selbst in Gesprächen lässt das Thema Wein viele Menschen kommunikativer und glücklicher werden.

7. Wo führt der Weg hin? Sie exportieren bereits nach Hong Kong– gibt es bereits Pläne für andere Exportziele oder Anbaugebiete?

Wir sprachen ja bereits über Russlands Verbote für Weinwerbungen, dagegen hat mich Hongkong genau wie andere asiatische Länder sehr überrascht. Überall gibt es Reklame über Weinberge und Wein, aber in Russland ist jedes kleine Bild von Weinflaschen davon verboten.

Zurzeit wächst in Europa und Asien das Bewusstsein für nachhaltige, naturnahe Landwirtschaft, was uns natürlich sehr freut. Vor 30 Jahren hat sich darum keiner in Europa gekümmert und chemische Düngermittel sogar gelobt. Im südlichen Russland wurde nie intensive Landwirtschaft betrieben, weshalb auch an vielen Orten keine Pestizide genutzt wurden.

Der Anbau in weiteren Ländern als in der Schweiz und in Russland gestaltet sich für uns als sehr schwierig. Aufgrund der technischen Möglichkeiten muss man zwar nicht immer am Ort bleiben, sondern kann notfalls Bilder auch über das Handy schicken und diskutieren. Das Klima unterscheidet sich auch, sodass wir die Traubenlese zu verschiedenen Zeiten in der Schweiz und Russland beginnen können. Dies stellt trotzdem eine riesige Aufgabe für uns dar: zwei Lesen im Jahr – für manche ist eine schon zu viel.

Glücklicherweise möchte unsere Tochter nach Ihrem Studium der Önologie in der Schweiz den Betrieb weiterführen. Natürlich kennt sie auch das Leben auf den Weinbergen durch uns. Sie spricht zudem französisch, russisch und englisch und hat bereits bei Events auch in Asien Erfahrungen gesammelt. Für uns wäre es natürlich sehr schwer, wenn es keine Nachfolgerin geben sollte. Wir freuen daher sehr, dass die Traditionen und Philosophie unseres Weinanbau weitergeführt.

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