Die “Neuen Seidenstraßen” und Chinas Investitionen in Russland – Ein Interview mit Stanislav Pritchin

Das Interview führte Nina Fois, QUORUS GmbH, Übersetzung und Editing von Jonas Prien, Ausserer & Consultants

Die Belt und Road Initiative (BRI), auch neue Seidenstraße genannt, wurde 2013 vom chinesischen Präsident Xi Jinping eingeführt und umfasst ein Netzwerk von sechs Handels- und Ökonomiekorridoren, von denen alle Teilnehmerstaaten profitieren sollen. [1] Kooperation, Offenheit, Innovation und nachhaltige Entwicklungen sind die Kernelemente des Projekts. Allerdings bezweifeln viele Länder Chinas eigentliche Motivation und fürchten ein geopolitisches und ökonomisches Ungleichgewicht zugunsten Chinas. [2]

Welche besonderen Interessen verfolgt Russland in der „Neuen Seidenstraße“?

Die Chinesische Initiative ist ein äußerst wichtiges globales ökonomisches Projekt. Auf der einen Seite soll die Seidenstraße neue Transportwege und Möglichkeiten für die Energieversorgung aufbauen, was im zweiten Schritt zu einer grundlegenden Basis für ökonomische Kooperation und politische Partnerschaft führen soll. Auf der anderen Seite hofft Russland durch den Transit von Gütern nach Europa auf dem Gebiet der Föderation auf hohe Dividenden.

Wird das Reich der Mitte zum Zentrum der Weltwirtschaft? (Foto: https://de.reuters.com/)

Das gegenwärtige Verhältnis zwischen Russland und China steht aktuell im Fokus der BRI Initiative und vor allem auf der sogenannten Eis-Seidenstraße. [3] Wie schätzen Sie das Risiko ein, dass die russischen Beziehungen zu China sich langfristig asymmetrisch entwickeln und Russland in eine schwache Position bringen?

Tatsächlich ist es so, dass Russland und China sich seitens ihrer wirtschaftlichen Rahmen und ihrer unterschiedlichen Ausrichtungen weitgehend unterscheiden. Mit Blick auf die Transport-Infrastruktur ist es schwierig Ungleichgewichte festzustellen. Über die Eis-Seidenstraße kann man sagen, dass dieses globale Projekt von beiden Seiten gleichermaßen als sehr wichtig anerkannt werden, da China zuverlässige Transportwege für den Güterverkehr und Russland für Investitionen brauchen.

Gemeinsame große Projekte zwischen Russland und China wurden nun bereits angesprochen. Was für Projekte sind dies im Detail?

Für die Umsetzung von gemeinsamen Projekten im Rahmen der BRI wurde 2014 eine russisch-chinesische Kommission eingerichtet, welche die Durchführung der Projekte außerhalb des Energiesektors und den Abbau von administrativen und anderen Handelsbarrieren zwischen den Ländern fördern soll. 2015 wurde zudem ein Abkommen zwischen der BRI Initiative und der Eurasischen Wirtschaftsunion (EEU) unterzeichnet. Dies bedeutet, dass der russisch-eurasische Raum (vom Ural bis Zentralasien) den wirtschaftlichen Knotenpunkt sowohl für den Warentransit und die ökonomische Tätigkeit als auch für die Investitionen darstellen wird. Auch juristische und administrative Strukturen werden dafür neu geschaffen.

2014 wurde der Seidenstraßen-Fonds (FSP) mit einer Kapitalausstattung von 40 Mrd. US-Dollar eingerichtet und investierte bereits in russische Firmen wie Yamal LNG (Liquified Natural Gas – Flüssigerdgas) und Sibur. Im März 2016 erwarb FSP 10% der Aktienanteile von Sibur, dem größten Russischen Unternehmen zur Förderung und Verarbeitung von Erdgas, dies entspricht einem Geldwert von 1,338 Mrd. US-Dollar. Im selben Jahr verkaufte Novatek 9,9% des Yamal LNG Projekts an FSP. Dieses Projekt umfasst u. a. den Bau einer LNG-Förderanlage mit einer Gesamtkapazität von 16,5 Millionen Tonnen LNG pro Jahr und liegt im Yuzhno-Tambeyskoye-Gasfeld im nordwestlichen Sibirien. Außerdem, sicherte FSP Novatek einen Kredit von 792.8 Mio US-Dollar für 15 Jahre zu. Diese Zahlen zeigen schon anhand von zwei russischen Firmen, dass diese attraktiv für chinesische Investments sind. Die Investitionen der FSP in Russland könnten noch weiter erhöht werden, auch weil sehr viele unterschiedliche Kooperationen auf vielen Gebieten aufgenommen werden. Chinesische Unternehmen scheinen darüber hinaus, aktiv in den Internationalen Nord-Süd Transportkorridor (MTK), der unter anderem durch Russland, den Iran und Kasachstan führt, zu investieren.

Welche Rolle spielt die Eurasische Wirtschaftsunion dabei und wie werden die neuen Seidenstraßen sie beeinflussen?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die beiden Vereinigungen Eurasische Wirtschaftsunion und die chinesische BRI globale und geopolitische Konkurrenten darstellen. Weiterhin erkennt man bei genauer Betrachtung, dass beide Vereinigungen zwar seriöse politische Ziele haben, aber in Wirklichkeit hauptsächlich auf wirtschaftlichen Zielen beruht. Wenn China durch seine Investitionen den Handel, den Transport und die Kooperation in der Region und Russland auf der anderen Seite durch die Idee eines gemeinsamen Marktes mit den Ländern der Region fördert, wird sich dies beides positiv auf die Attraktivität in die Region auswirken. Letztlich führen beide Herangehensweisen zu einer signifikanten Verbesserung in der Entwicklung Zentralasiens.

Glauben Sie, dass sich das Verhältnis von Russland zu den ehemaligen Staaten der Sowjetunion sich verändert? Können Staaten wie Kirgisistan oder Kasachstan sich zwischen den Fronten zweier wirtschaftlich und geopolitisch konkurrierender Staaten wiederfinden?

Wie vorher bereits erwähnt, fördern beide Vereinigungen die Entwicklung in der ganzen Region. Gleichermaßen gibt es bereits einen geopolitischen Konflikt zwischen China und Russland, aber mit einem bemerkenswerten Detail, nämlich, dass sowohl Moskau als auch Bejing die Interessen der Nachbarstaaten und Partner anerkennen.

Viele Länder haben bereits ihr Interesse an dem Seidenstraßenprojekt bekundet oder sich bereits angeschlossen. Zuletzt haben einige Staaten vor allem im ersten Quartal 2019 allerdings Ihre Abneigung ausgedrückt.  Hängt dies mit Chinas Finanzierungsproblemen zusammen? Welche anderen Gründe gibt es Ihrer Meinung nach für eine ablehnende Haltung gegenüber dem BRI?

Das größte Problem der Seidenstraßeninitiative ist die Finanzierung. Überall, auch in Zentralasien, ist der steigende Schuldenstand der Teilnehmerländer gegenüber China ein Problem. So musste Tadschikistan seine Goldreserven einsetzen, um nicht bezahlte Schulden zu tilgen. Seit über zehn Jahren hat Kirgisistan einen Schuldenstand gegenüber China, der halb so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt ist. Kasachstan und Turkmenistan haben ebenfalls gewaltige große Schuldenberge angehäuft. Alle die Beispiele verringern das Interesse an Chinesischen Projekten in der Region für die Öffentlichkeit und die Regierungen.

Im Fokus internationaler Investitionen – Usbekistan und die Länder Zentralasiens

Wie sehen Sie die Zukunft der Seidenstraßen?

China bleibt auch in Hinblick auf die negativen Aspekte ein wichtiger politischer und ökonomischer Partner, dessen Position nicht ignoriert werden darf. Daher braucht es in jedem Fall eine Kooperation, aber mit weniger großer Intensität.

Was halten die USA von dem Projekt Chinas?

Offensichtlich stärkt das Seidenstraßenprojekt Chinas Position durch geopolitische Projekte und großflächige Investitionen. Dies sorgt in den USA natürlich für Unruhe und widerspiegelt einen negativen Trend der USA in der Weltpolitik, aber Washington hat dem in Zentralasien wenig entgegenzusetzen.

Die Neuen Seidenstraßen könnten eine wichtige Möglichkeit für Schweizer Investoren und Unternehmen darstellen, um sich international zu expandieren. Nach Felix Sutter, dem Präsidenten der Schweizer-chinesischen Auslandshandelskammer, ist die Schweiz bereit „an Unternehmungen, die technisch anspruchsvolle Projekte umfassen, teilzunehmen und Schweizer Technologie und Know-how zu liefern“. [4] Wie wird die Rolle der Schweiz von den anderen Teilnehmer gesehen?

Die Schweiz als Ganzes und die Schweizer Unternehmen haben ein sehr positives Bild in der Region, wenn es auf politische Neutralität und hochwertige Produktqualität ankommt. Weiterhin wird das Engagement der Schweiz von den anderen Ländern sehr positiv aufgenommen. Die Schweiz hat eine gute Möglichkeit durch die Implementierung von Hightech und nachhaltigen Projekten sowie der Einbringung ihrer Kompetenzen und Technologien die Effizienz und die ökonomische Nachhaltigkeit einen großen Beitrag zu leisten. Auf der anderen Seite erlaubt es anderen Ländern und Zentralasien an sich, mehr Attraktivität durch das Schweizer Engagement zu gewinnen.

Stanislav Pritchin arbeit für den 1920 gegründeten britischen Thinktank „Chatham House“. Er schrieb seine Dissertation über den „Internationalen Status des Kaspischen Meeres und die Strategischen Interessen Russlands“ und forschte im Zentrum für Kaukasische und Zentralasiatische Studien an der Moskauer Akademie der Wissenschaften.


.

.

[1]New Eurasia Land Bridge; China, Mongolia, Russia Economic Corridor; China, Central Asia, West Asia Economic Corridor; China Indochina Peninsula Economic Corridor; China, Pakistan Economic Corridor; China, Bangladesh, India, Myanmar Economic Corridor. OECD (2018), «The Belt and Road Initiative in the global trade, investment and finance landscape», in OECD Business and Finance Outlook 2018, OECD Publishing, Paris, S. 11. URL: https://www.oecd.org/finance/Chinas-Belt-and-Road-Initiative-in-the-global-trade-investment-and-finance-landscape.pdf

[2]OECD Business and Finance Outlook 2018, OECD Publishing, Paris, S. 13. URL: https://www.oecd.org/finance/Chinas-Belt-and-Road-Initiative-in-the-global-trade-investment-and-finance-landscape.pdf

[3] A silk road through ice. China wants to be a polar power, 14.04.2019. in: The Economist. URL: https://www.economist.com/china/2018/04/14/china-wants-to-be-a-polar-power.

[4] Sutter, Felix: Die neue Seidenstrasse, in: China-Extra 2018. URL: https://www.sccc.ch/resources/WEW_39_Chin_038_OBOR.pdf

Like and share this post on social media:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Follow by Email
LinkedIn
Share