So könnte Russland das Müllproblem lösen

Dass Russland ein Problem mit häuslichem Abfall hat, ist kein großes Geheimnis. Das Problem wurde schlichtweg ignoriert oder in die Provinz verschickt, frei nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“. Doch nun rückt die Hausmüllproblematik in den Fokus der Regierung, vielleicht auch stinkender Müll sozialen Sprengstoff darstellt. Im Zuge der jährlichen Fachmesse zum Thema Recycling und Abfallmanagement WASMA…

von Jonas Prien, Ausserer & Consultants

Dass Russland ein Problem mit häuslichem Abfall hat, ist kein großes Geheimnis. Das Problem wurde schlichtweg ignoriert oder in die Provinz verschickt, frei nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“. Doch nun rückt die Hausmüllproblematik in den Fokus der Regierung, vielleicht auch stinkender Müll sozialen Sprengstoff darstellt. Im Zuge der jährlichen Fachmesse zum Thema Recycling und Abfallmanagement WASMA diskutierten Politiker, Geschäftsleute und Vertreter verschiedener NGOs auf Einladung des OWC-Verlags, wie das Problem umzugehen und zu lösen sei.

Mathias Wilhelm bei seiner Präsentation (Foto; OWC-Verlag)

Denis Buzajew, der Vorsitzende der erst im Januar gegründeten staatlichen Umweltbehörde, betonte, dass der Abfall nicht einfach konserviert werden dürfe, sondern mithilfe der neuesten Techniken verarbeitet und verwertet werden müsse. Die Schaffung einer „Wiederverwertungskultur“ sei eine große gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe für Russland. Einige Vertreter aus Wirtschaft und Politik stünden dem Vorhaben zwar skeptisch gegenüber, dennoch gebe es viele positive Stimmen aus den Regionen. Auf einen wichtigen Punkt verwies er außerdem, nämlich den Transfer von ausländischen Knowhow und Investitionen in die einzelnen Regionen. Neben der Vorzeigeregion Mordowien, wo die deutsche Firma Remondis eng mit den Behörden zusammenarbeite, gebe es kaum vergleichbare Partnerschaften. Private Investoren hätten zudem eine wunderbare Wirkung auf die Umsetzung und die Effektivität der Projekte. Eine Hauptrolle müssten vor allem die Hersteller spielen, damit das Vorhaben klappe, aber die fänden zu viele legale wie illegale Schlupflöcher, nicht für ihre Umwelteinflüsse aufzukommen.

Dass die Müllverarbeitung auch unter wirtschaftlichen Aspekten einen äußerst attraktiven Markt darstellt, wird bei den Ausführungen von Uwe Krumm von der Boston Consulting Group deutlich. Bis zu 3,4% weltweites Wachstum würde diesem Markt zugesprochen, wobei die Schwellenländer einen immer größeren Teil einnehmen würden. Deutschland habe zwar kein perfektes System, dennoch existiere nach 30 Jahren Mülltrennung, Haftung der Produzenten, Müllsammeln, Aufstellen von Glascontainern usw. ein klares Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung. Zudem gebe es in Deutschland circa 100 Müllverbrennungsanlagen und mehr als 200.000 Mitarbeiter in der Abfallindustrie. Da Russland bis 2024 ein funktionierendes Recyclingsystem aufbauen möchte, stehe es vor einer „gigantischen Aufgabe“, welche ganzheitlich gelöst werden müsse. „Es muss nun als komplex behandelt werden, inklusive Infrastruktur, Image, Aufklärung der Bevölkerung, Finanzierung und Logistik“. Krumm sieht weiterhin zwei Hauptprobleme: Lokalisierung und Gebührenpflicht. Die ausländischen Firmen bekämen staatliche Zuschüsse nur durch die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern, dies stelle ein Problem für viele dar. Außerdem könne eine Gebührenregelung soziales Konfliktpotenzial bieten, da Verbraucher diese nicht zahlen wollen würden. In Deutschland würden sich die jährlichen Kosten auf 300 – 750 (Schwedt, Oder bzw. Leverkusen) Euro belaufen – ohne Abfalltrennung das Zweieinhalbfache. Daher müsse auch die Bevölkerung eingebunden und informiert werden.

Oftmals wird von dem besonderen technischen Knowhow gesprochen, obwohl kaum jemand zu wissen scheint, wie die Umsetzung tatsächlich funktionieren soll. Die österreichische Firma Christof Industries bietet Lösungen in der Müllverbrennung und neuartige Wege in der Biomüll-Vernichtung. Die Deponien in Russland seien überlastet und zum großen Teil toxisch verseucht, behauptet Franz Jesche von Christof Industries. Beim Verbrennen der Stoffe entstünden zwar auch giftige Rückstände in der Luft, diese seien aber kaum festzustellen und nicht mit dem giftigen Grundwasser zu vergleichen. Besondere Projekte seien die Clean City Wien und die Zero Waste City in Dubai, die als Vorreiter für andere Städte fungieren könnten. Jesche betont ebenfalls, wie wichtig es sei, die lokale Bevölkerung einzubeziehen. In Wien könne die Verbrennungsanlage beispielsweise die überschüssige Wärme an Schwimmbäder und Krankenhäuser abgeben. Besonders interessant sei die Vernichtung organischer Abfälle mithilfe der Schwarzen Soldatenfliege. Dabei würden Fliegen auf den Biomüll gesetzt, sodass diese diesen fressen und ihre Eier darein legen können. Die Larven würden wiederum verarbeitet, um Protein-Öl herzustellen – so würde man aus Abfall durch die technische Verarbeitung neue Ressourcen erschaffen.

Die weiteren Experten, u.a. Matthias Wilhelm von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und verschiedene Regionalvertreter, warnten vor zu allgemeinen Lösungen. Russland sei eben ein sehr vielfältiges Land mit sehr unterschiedlichen Regionen, die jeweils andere Lösungen benötigen – ein Schablonendenken sei falsch. Vielmehr müsse vor Ort die Lage sondiert und dann explizit mit den lokalen Besonderheiten umgesetzt werden

Das Müllproblem scheint in Russland endlich die nötige Aufmerksamkeit erlangt zu haben, die es braucht um eine dauerhafte Verbesserung zu erlangen. Die Aussagen zeigen, dass trotzdem eine Vielzahl an Problemen von der Übermittlung des Knowhows, der Überzeugung der Bevölkerung, der Finanzierung, Logistik, Lokalisierung und vielen mehr gibt. Auf der anderen Seite stehen gute Gewinnaussichten für die Unternehmen und die Möglichkeit für die russische Bevölkerung, ein stinkendes, gesundheitsgefährdendes und naturzerstörendes Problem innerhalb der nächsten Jahre loszuwerden und gesamtwirtschaftlich vielleicht sogar zu profitieren.

Aktuell befindet sich eine Delegation der Deutsch-Russischen Industrie- und Handelskammer auf Delegationsreise in der Region Woronesch, um diese Fragen weiter zu erörtern. Hier finden Sie aktuelle Infomationen über die Reise.

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