Von den „wilden Neunzigern“ bis zum Roten Hammer – 7 Fragen an Sven Lindenberg

Ich bin wahrhaftig 1990 nach Moskau gegangen, um Außenhandel am MGIMO zu studieren. Dies basierte noch auf dem Programm des Studentenaustausches zwischen der DDR und der Sowjetunion.Nach 1990 wurde dieses Programm für Langzeitstudium beendet. Ich war somit…

von Jonas Prien, Ausserer&Consultants

1.Wie kam es, dass Sie Anfang der 1990 zum Studium am MGIMO nach Moskau gekommen sind? Wie war das Studium in Russland für Sie? Sind Sie schnell mit der Sprache und der Kultur zurechtgekommen?

Ich bin wahrhaftig 1990 nach Moskau gegangen, um Außenhandel am MGIMO zu studieren. Dies basierte noch auf dem Programm des Studentenaustausches zwischen der DDR und der Sowjetunion.Nach 1990 wurde dieses Programm für Langzeitstudium beendet. Ich war somit einer der letzten deutschen Langzeitstudenten am MGIMO. Am Anfang war es nicht leicht insbesondere mit der Sprache. Das Schulrussisch, welches unterrichtet wurde, war leider weit von der realen Sprache entfernt. In Vorlesungen kam man damit nicht unbedingt weit. Ich habe das dann durch ein akademisches Jahr geregelt, in welchem ich ganz Russland bereiste und somit die Sprache lernte. Die Kultur und Mentalität stellten für mich von Anfang an kein Problem dar

2.Wie würden Sie Russland, das Leben in Moskau und die Russische Bevölkerung in den 90er Jahren beschreiben? Was für einen Einfluss hatten der Zerfall der Sowjetunion, die Auseinandersetzungen sowie die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen auf Sie persönlich und Ihr Studium?

Sven Lindenberg ist seit fast 30 Jahren in Russland

Die sogenannten wilden Neunziger waren natürlich unheimlich spannend für mich. Es wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion so ziemlich alles ausprobiert und versucht – es herrschte schon irgendwie eine Goldsucherstimmung. Jeder Zweite wurde zum Businessman oder Manager. Diese davon, die sich damals Oligarchen nannten, bereicherten sich. Man versuchte Demokratie einzuführen und bekam dafür die Rechnung. Es herrschte absolutes Chaos. Erst die Zentralisierung der Macht brachte wieder einigermaßen Ruhe und Ordnung ins Land. Das bestätigt den Ausspruch: „Russland braucht seinen Zaren“. Im Studium selbst gab es ebenfalls viele Veränderungen. Marxismus-Leninismus wurde nun nicht mehr gelehrt und das neue Studienmaterial musste man sich irgendwie besorgen – das waren Bücher, zumeist Übersetzungen aus dem Englischen. Lehrer mussten ebenso lernen und umdenken.

3.Nach den „wilden Neunzigern“ sind Sie Russland treu geblieben – was waren die wichtigsten Gründe dafür? Was fasziniert Sie an Russland? Falls es welche gibt: welche Dinge können Sie am Leben in Russland nicht ausstehen ?

Gute Frage…es gibt da so einige Gründe; meine Familie, meine Frau ist Russin; meine Freunde, die ich hier gefunden habe; meine Arbeit, wo immer neue Herausforderungen an Dich gestellt werden (es wird nie richtig langweilig in Russland) und ein allgemeines Wohlgefühl, welches ich seit nunmehr knapp 30 Jahren Aufenthalt habe. Trotzdem fahre ich gern in meine Heimat Deutschland!Ich mag es nicht sonderlich, wenn es dunkel, kalt, dreckig und nass ist- meist von November bis April. Es kann schon 6 Monate dauern, bis es wieder warm wird. Dann merke ich immer, wie sehr ich den Frühling und Herbst in Deutschland vermisse.

4.Sie haben in ihrer Laufbahn mehrere russische und internationale Unternehmen kennengelernt. Gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen den Firmen (insbesondere in puncto Hierarchie, Persönlichkeit zwischen den Kollegen und in der Arbeitsweise)?

Selbstverständlich gibt es da Unterschiede: Deutsche arbeiten mit Eigenverantwortung, Amerikaner mit Gruppenverantwortung, Schweden wollen nie gerne Verantwortung übernehmen. Es gibt flache Hierarchien mit schneller Entscheidungsfindung und ausgeprägte Hierarchien, wo man mehr Geduld haben muss :). In manchen Firmen findet man eine tolle familiäre Atmosphäre, in anderen ist der Gedanke, „Wir sind ein Team“ stark ausgeprägt, aber es gibt auch Firmen, wo nicht der Mensch, sondern das System und die Kontrolle regiert. Firmen mit sowjetischem Führungsstyl gibt es jetzt eher weniger –diese konnte ich aber auch noch erleben.

5.Sie haben ab 2008 für einige Jahre bei Education First als Finanzdirektor gearbeitet. Wie haben Sie die Arbeit des Unternehmens, welches sich für den Jugendaustausch und Sprachreisen einsetzt wahrgenommen?

EF Education First hatte zu dieser Zeit ein sehr junges dynamisches Team, welches sich sehr gut entwickelte und wuchs. Es hat einfach Spaß gemacht mit diesen jungen Menschen etwas zu bewegen. Der Grundgedanke dieser Firma besteht ja im Abbau von Barrieren und Grenzen durch English Learning. Eine gute Idee finde ich, welche sich seit über 60 Jahren bewährt hat. In Russland war das Interesse an der Sprachausbildung zu dieser Zeit sehr hoch. Man hatte das Gefühl, dass weder Krisen noch Konflikte die Menschen davon abhalten können, ihre Sprachausbildung zu fördern. Russische Eltern investieren unglaublich viel in ihre Kinder, geben sozusagen ihr letztes Hemd ab.

Turniersieg mit dem Rotem Hammer 2016

6.Seit vielen Jahren engagieren Sie sich beim Roten Hammer. Was macht der Verein genau und was unterscheidet ihn von anderen Sportvereinen?

Der FC Roter Hammer 1989 ist ein Fußballklub, welcher ursprünglich von Deutschen Expats (aus Ost und West) 1989 in Moskau gegründet wurde. Er war und ist ein Platz, wo man Fussball spielt, sich austauscht (so manches Mal auch Business findet), gemeinsam Fußball schaut und natürlich auch gemeinsam feiert, zumeist mit der Familie! Wir trainieren einmal die Woche, dienstags von 20.00-22.00 Uhr im MGIMO, spielen Turniere und laden uns Gastmannschaften zu Freundschaftsspielen ein. Wir haben allerdings nicht den Anspruch in einer Profiliga zu spielen. Im Roten Hammer spielen alle Altersklassen von 20-60, darunter Journalisten, Juristen, Geschäftsleute, Studenten, Praktikanten und so weiter. Wer gerne bolzt ist herzlich eingeladen, mal bei uns vorbeizuschauen.

Der Rote Hammer in der Saison 2001/2002

7.Für viele Menschen in Deutschland ist Russland gleichermaßen ein altes Mysterium und ein Feindbild zugleich. Können Sie das nachvollziehen? Was würden Sie diesen Menschen sagen? Mit welcher Taktik überlebt man in Russland?

Ja, leider ist das nachvollziehbar, weil dieses Feindbild von Russland durch die Massenmedien aufgebaut wird. Ich bilde mir da meine eigene Meinung. Das heißt nicht, dass ich mit Allem einverstanden bin, was in Russland passiert. Meiner Meinung nach sollte man nur über etwas urteilen, wenn man sich damit auseinandergesetzt hat, d.h. für diese Leute einfach mal Russland besuchen! Das lohnt sich zu 100 Prozent! Wenn es möglich ist sollte dies nicht nur auf Moskau beschränkt sein, sondern auch die Regionen einschließen. Wer nur Zeitungen liest und Fernsehen schaut, ist leicht beeinflussbar – in Russland wie auch anderswo. Eine Überlebenstaktik für Russland? Ich denke, man sollte sich mit der Kultur und Mentalität auseinandersetzen und versuchen diese zu verstehen. Das heißt nicht, dass man diese vollständig übernehmen muss. Ich selbst habe mir deutsche Eigenschaften bewahrt und komme trotzdem ganz gut zurecht. Zum Beispiel bin ich zu Terminen, Treffen, Feiern etc. immer noch pünktlich, was man von Russen eher nicht erwarten sollte.

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