Fünf Jahre nach den Sanktionen – wie geht es dem fernen Nachbar im Osten

2014 war in vielen Hinsichten ein Wendejahr für Russland. Kaum war die Winterolympiade in Sochi vorbei, kam die ukrainische Krise mit allerlei Konsequenzen.

von Evgeny Zhilin, Partner QUORUS GmbH

2014 war in vielen Hinsichten ein Wendejahr für Russland. Kaum war die Winterolympiade in Sochi vorbei, kam die ukrainische Krise mit allerlei Konsequenzen. Darunter – die Einführung in einem bisher unbekanntem Ausmass der westlichen Sanktionen gegen Russland. Finanzielle Sanktionen, persönliche Sanktionen gegen politische Führungskräfte und kremlnahe Geschäftsleute, zuletzt auch Sanktionen gegen einzelne Grossprojekte Russlands im Ausland, vor allem im Rohstoffbereich. Die Reaktion Russlands ließ sich nicht lange warten, noch im Spätsommer 2014 wurden die sogenannten Gegensanktionen eingeführt, die vor allem Lebensmittelimporte aus der EU targetiert hatten. Zum Glück (ein Erfolg der Schweizer Diplomatie!) hat es zwischen Russland und der Schweiz nicht so stark gefunkt – als einziges westliches Land blieb die Schweiz von den russischen Gegensanktionen verschont.

Fünf Jahre sind ja gewiss nicht wenig Zeit. Wie geht es Russland jetzt? Haben die westlichen Sanktionen das Land in seiner bisherigen Entwicklung gebremst? Ist die Lebensqualität der einfachen Menschen gesunken? Gibt es Hoffnungen auf eine Wiederbelebung? Als Russe, der bis 2016 in Russland gelebt und die Entwicklungen auf eigener Haut mitverfolgt hat, fällt es mir relativ leicht die Tendenzen auszuwerten. Zumal ich Russland auch nach meinem Umzug in die Schweiz Anfang 2017 immer wieder besucht habe.

Zunächst die offiziellen Statistiken. Das Bruttoinlandsprodukt fiel um einige Prozentpunkte bis 2016. Der Abstieg wurde auch durch die rasante Senkung der Erdölpreise im 2014 und die daraus resultierende Abschwächung des Rubels gefuttert. Im 2015 war das BIP fast nur noch die Hälfte von 2014, umgerechnet in Schweizer Franken (CHF). Das waren harte Zeiten. Es herrschte totale Unsicherheit, vor allem auch im Hinblick darauf was nun als Nächstes kommt. Ab Ende 2015 trat aber eine gewisse «Stabilisierung des Falls» ein, und im 2016 bewegte sich das BIP gegen 0-Wachstum. 2017 und 2018 dagegen waren mit einem leichten Anstieg von bis zu 2.0 % pro Jahr geprägt. Das Schlimmste also vorbei? Nicht ganz. Denn die BIP per Capita Raten sind immer noch außerordentlich tief. Umgerechnet in CHF, sind es gerade mal etwas mehr als 10’000 CHF pro Kopf. Mindestens 8 Mal so wenig wie in der Schweiz. Das hat natürlich eine direkte Projektion auf die Lebensqualität der Menschen. Im Allgemeinen ist sie gesunken. Man verdient generell nicht mehr als im 2013, und dabei sind die Preise rasant angestiegen. Also immer noch viel Überlebenskampf, vor allem für die ärmeren Provinzen.

Das sieht man aber nicht, wenn man nach Moskau kommt! Die Zahl der teuren Autos, Restaurants und Hotels hat in den letzten 5 Jahren nur zugenommen. Das täuscht aber den Beobachter, in Wirklichkeit ist es nur die Kluft zwischen den reicheren und den ärmeren, die grösser geworden ist.

Russland setzt in den letzten Jahren immer mehr auf neue Technologien statt Rohstoffe. Auch Ausbildung ist jetzt vermehrt im Visier der politischen Führung. Lokalisierung der Produktion ist in aller Munde. Das sind aber längerfristige Effekte, die sich in den konkreten Gewinnzahlen (ausser Landwirtschaft) noch abwarten lassen. Gerade jetzt befindet sich das Land schon wieder in einer Transformation. Diesmal geht es um die Modernisierung des innenpolitischen Wesens. Und da sind die Strapazen auch nicht gerade mal gering.

In der Industrie, dem Handel, dem Tourismus und dem Servicesektor generell haben sich seit 2017 durchaus positive Tendenzen abgezeichnet. Es wird wieder viel gebaut, vor allem nehmen der Wohnungsbau und die Infrastruktur zu. Es sind neben den berüchtigten Gasleitungen zahlreiche Brücken, Flughafen-Terminals, Stadien, Spitäler neu errichtet worden. Nicht zuletzt wegen der

Fussball-WM 2018, die weltweit als eine der bestorganisierten in der ganzen Geschichte gilt (übrigens, Chapeau vor dem Schweizer Nationalteam – war eine tolle Leistung!).

Die Arbeitslosenquote liegt viel tiefer als vor noch wenigen Jahren, und es ist wirklich nicht schwierig eine dezente Beschäftigung zu finden, man muss nur den Willen dazu haben. Dabei sind nach unterschiedlichen Angaben zwischen 2011 und 2019 einige Millionen Russen ins Ausland ausgewandert. Viele ziehen es vor international tätig zu werden, und ich selbst bin da keine Ausnahme. Anstelle der ausgereisten kommen aber junge und fähige Menschen, die das Land auch weiter entwickeln werden, darin besteht kein Zweifel.

Meine Erwartungen und Hoffnungen für Russland bleiben somit durchaus positiv. Die Fähigkeit der Russen selbst in schwierigen Zeiten sich durchzusetzen ist wirklich phänomenal – weltweit gibt es kaum ein anderes Volk das die verschiedenen historischen Herausforderungen so konstant und geschmeidig überwinden würde.

Die Schweiz sollte also die Chance nicht verpassen und sich momentan mehr für Russland engagieren. Es gibt auf dem bilateralen Niveau immer noch unzählige Möglichkeiten, um zum Erfolg in Russland zu kommen. Man müsste nur etwas Mut dazu haben.

Evgeny Zhilin, Autor des Artikels
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