Die Russische Sprache wird weniger gelernt – hat die Sprache Pushkins ein Marketing-Problem?

Russisch, also immerhin die Sprache der großen Schriftsteller Pushkin, Tolstoi, Tschechow und Dostojewski, wird immer weniger gelernt. Warum ist das so? Werden Krieg und Frieden, Schuld und Sühne und die Toten Seelen bald nur noch auf Englisch, Deutsch oder Chinesisch gelesen?

von Jonas Prien, Ausserer & Consultants

Russisch, also immerhin die Sprache der großen Schriftsteller Pushkin, Tolstoi, Tschechow und Dostojewski, wird immer weniger gelernt. Warum ist das so? Werden Krieg und Frieden, Schuld und Sühne und die Toten Seelen bald nur noch auf Englisch, Deutsch oder Chinesisch gelesen?

Die österreichische Philosoph, Ludwig Wittgenstein, prägte den Satz „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Die Kunst, besonders komplexe Zusammenhänge mit einer Vielzahl verschiedener Lauten und Ausdrücke in unterschiedlicher Weise zusammenzusetzen, erlaubt dem Menschen letztlich erst, das gesamte kognitive Potenzial seiner Gruppe durch Interaktion zu nutzen. Sprachen dienen aber auch nicht nur als Transportmittel von Ausdrücken, sondern übermitteln Ideen, Traditionen und die Essenz ganzer Kulturen. In der Antike wurde Latein nicht nur durch den Eroberungsdrang der Römer zur Weltsprache, sondern erleichterte den Menschen in den eroberten Regionen die Integration in das Werteverständnis und die Lebensweise der Römer. Wer am öffentlichen Leben teilhaben wollte, musste sich also dazu zwingen, Latein zu lernen.

In den vergangenen Jahrhunderten änderten sich die Sprachen im Laufe der Zeit – im Aufstieg und Zerfall der Mächte. Während auf den mittelalterlichen Burgen noch Französisch gesprochen wurde, unterhielten sich die Seefahrer zur Zeit der großen Entdeckungen auf vor allem auf Spanisch und Portugiesisch. Während die europäischen Reiche ihre Sprachen in entfernte Kolonien exportierten, konzentrierten sich die Zaren auf das ostslawische Europa und weiteten ihre Macht bis in das zentralasiatische Hinterland aus. Allerdings gestatteten sie den unterworfenen Völkern große Unabhängigkeit in ihren Traditionen, daher überrascht es nicht, dass heutzutage mehr als 100 ethnische Sprachen in Russland gesprochen werden. Zu den wichtigsten Sprachen gehören Tatarisch, Baschkirisch und Tschuwaschisch (alle gehören zur Familie der Turksprachen), Tschetschenisch, Darginisch und Inguschisch (Nordkaukasische Sprachen) sowie die mongolischen Sprachen Burjatisch und Kalmückisch.

Die Sprache ist ein Politikum

Nach dem Zerfall der Sowjetunion orientierten sich viele Länder Osteuropas nicht nur politisch, sondern auch sprach-politisch um. Diese Entwicklung wurde auch in der Sprachpolitik deutlich. Während im Jahre 1990 noch 74,6 Mio. Menschen Russisch weltweit lernten, waren es 2004 51,2 Mio. und 2018 nur noch 38,2 Mio.. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Zahl außerhalb der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) von über 20 Millionen auf knapp 1 Millionen gesunken ist, kann man sicher von einer Krise sprechen.

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In Russland selbst herrscht seit Jahren ein harter Wettbewerb zwischen den einzelnen Sprachschulen europäischer Staaten. Unbestritten ist, dass Englisch in allen staatlichen Russischen Schulen als erste Fremdsprache gilt (mit einigen Ausnahmen in Fernost). Danach herrscht aber Konkurrenz zwischen dem deutschen Goethe Institut und dem Institut Francais über die zweite Fremdsprache. Vertreten sind auch die offizielle Spanische Sprachschule und das chinesische Konfuzius-Institut (welches zuletzt aufgrund der Nähe zur chinesischen Staatsführung kritisiert wurde). Dagegen tut Russland äußerst wenig, um aktiv junge Menschen für Russland und die Russische Sprache zu begeistern. In Anbetracht dessen, dass im Jahre 2050 (UNO Bevölkerungsprognose) nur noch 2,7% der Weltbevölkerung sich auf Russisch verständigen können, müsste der Staat dagegen schnell etwas unternehmen, um sicherzustellen, dass in Zukunft Война и мир weiterhin auf Russisch gelesen wird.

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