Bauboom im Kaukasus – in Georgien rollen die Bagger an

Die kleine Kaukasusrepublik Georgien liegt geografisch und kulturell an der Grenze zwischen Europa und Asien…

von Jonas Prien, Ausserer & Consultants


Die kleine Kaukasusrepublik Georgien liegt geografisch und kulturell an der Grenze zwischen Europa und Asien, zwischen Russland und dem Iran, zwischen der Türkei und Aserbaidschan, zwischen Okzident und Orient, zwischen Christentum und Islam, . In anderen Worten: Georgien liegt in einer aufgeheizten Region, in der post-sowjetische, schwelende Grenzkonflikte wie in Berg-Karabach, Abchasien oder Süd-Ossetien immer wieder Opfer fordern. Zudem liegen die krisengeschüttelten Staaten Syrien, der Irak und der Iran in unmittelbarer Nachbarschaft. Also keine guten Vorzeichen für wirtschaftlichen Aufstieg? Falsch, denn Georgien gilt längst nicht mehr nur als Geheimtipp für Weinliebhaber und Bergtouristen, sondern mittlerweile durch konsequente Modernisierung der Wirtschaft und politische Reformen als attraktiver Wirtschaftsstandort.

Diese Entwicklung widerspiegelt sich vor allem in der georgischen Bauindustrie, die seit 2010 einen grandiosen Anstieg verzeichnen kann. Während die georgische Wirtschaft aktuell um 5% pro Jahr wächst (2019), boomt vor allem die Bauindustrie mit 24% jährlich. Über 72.000 Beschäftigte zählt die Branche in Georgien (3,5% aller Beschäftigten), die 6% zum Gesamtanteil der Wirtschaftssektoren beitragen. Auch für die Arbeitnehmer bleibt der Markt attraktiv, da beispielsweise der Nominallohn sich im Gewerbe verdoppelt hat.

Umsatz im Baugewerbe in Georgien in Mrd. GEL (Daten: National Statistics Office Georgien; Abb. von AHK Georgien)

Modernisierung und Reformwillen zeigen sich auch in den Ranking internationaler Institutionen, wie der Weltbank. Diese bewertet Georgien insbesondere in der juristischen Abwicklung von Baugenehmigungen und Registrierung positiv, Im Punkt „Dealing with Construction Permits“ steht das kleine Land im Kaukasus auf Rang 21, bei „Registering Property“ sogar auf Rang 5. Zudem gibt es nur wenige Sondergenehmigungen für Ausländer oder andere protektionistische Maßnahmen.

Während der Umsatz im Baugewerbe seit 2010 stetig gewachsen ist, schwankt die Gesamtgröße der Neubauten sehr. Über die letzten zwei Jahre wurde so zwar deutlich mehr abgesetzt, aber weniger Fläche gebaut. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass die Stadtverwaltung weniger Aufträge genehmigte, um Grünflächen und Parks insbesondere in Tiflis, wo 30% der Projekte sich befinden, zu schützen. Weiterhin entwarf die Regierung ein Bebauungsplan für die Hauptstadt, welcher folgende Punkte vorsieht. Zunächst soll die Ausgabe neuer Baugenehmigungen verringert werden, da zwar 7 Mio. Quadratmeter genehmigt, aber noch nicht gebaut worden sind. Weiterhin sollen Grünflächen erweitert und Verkehrsknotenpunkte ausgebaut werden.

Neubauten in Georgien (Daten: GeoStat 2019; Abb.: AHK Georgien)

Der Trend innerhalb der Neubauten liegt klar auf Wohnungen. Dies hat ihre Gründe vor allem in der Urbanisierung des Landes (Anstieg des Anteils der Stadtbevölkerung auf 58,3%). Außerdem wird Georgien und gerade die Hauptstadt Tiflis immer beliebter für ausländische Fachkräfte. Steigende Löhne, ausländisches Kapital und eine niedrige Arbeitslosigkeitsquote sorgen für eine hohe Nachfrage nach modernen Wohnungen – das Todesurteil für die sowjetischen Plattenbauten der Chruschtschow-Ära. Die Nachfrage nach Gewerbeflächen und Büroräumen steigt ebenfalls.

Bei allen positiven Entwicklungen wird allerdings die Qualität der Neubauten kritisiert. Vor allem der Zement entspräche nicht den Vorschriften, meinen Experten. Die neugegründete Zement-Organisation Georgien versucht nun durch die Implementierung von Normen und Standards, die Gefahren durch den Qualitätsmangel zu beseitigen.

Neben den lokalen Projekten innerhalb der Städte und Dörfer arbeitet die Regierung seit längerer Zeit an der strategischen Entwicklung Georgiens zum Transitland zwischen Europa und Asien. Die nötigen geografischen Voraussetzungen sind in jedem Fall, wie in der Einleitung deutlich wird, gegeben. Mit internationaler Unterstützung der Weltbank, der Europäischen Investitionsbank, der Asiatischen Entwicklungsbank sowie der Japan International Cooperation Agency hat der Ausbau großer Infrastrukturprojekte zu Land, Wasser und Luft längst begonnen. Mehr als 550 km Autobahn und 1.000 Bundesstraßen sollen bis 2021 gebaut werden und die Ost-West-Autobahn ausgebaut und mit neuen Verkehrssystem ausgestattet werden. Weitere Projekte sind die Privatisierung der Eisenbahngesellschaft, der Bau neuer Flughafenterminals in Kutaissi und eines Tiefseehafens in Anaklia. Georgien erlebt einen derzeit Aufschwung und setzt alles daran, diesen langfristig zu nutzen, um das Land zu modernisieren. Die Lage Georgiens kann sich in Zukunft noch weiter auszahlen und spielen in europäischen, russischen und chinesischen Strategiepapieren eine zentrale Rolle. Dafür werden eine moderne Infrastruktur und eine robuste Wirtschaft benötigt – ein Ende des Aufschwungs ist noch nicht in Sicht, vor allem noch nicht für die Bauindustrie. (1.)


(1.)https://georgien.ahk.de/fileadmin/AHK_Georgien/Publikationen/DWV_Georgien_kompakt_Bauwirtschaft_2019.pdf

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