Forschen und Promovieren in Russland – 7 Fragen an Anton Hinneck, PhD Student am Center for Energy Science and Technology, Skoltech

In Russland zu promovieren, war definitiv auch eine dieser persönlichen Entscheidungen, deren „Richtigkeit“ sich erst bewerten lässt, wenn man es ausprobiert hat.

Das Interview wurde von Jonas Prien, Ausserer & Consultants, geführt.


Herr Hinneck, zunächst zu Ihrem Hintergrund: Sie kommen ursprünglich aus dem Großraum Berlin und haben an der Technischen Universität Berlin Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Wie kam es zu dieser Studienwahl? Was interessiert Sie besonders in diesem Fach?

Nach dem Abitur fiel es auch mir schwer einen passenden Studiengang zu wählen – auch das Jahr Wehrdienst hat mir bei der Entscheidungsfindung nicht weitergebracht, wie ursprünglich gedacht. Da ich mir nicht sicher war, ob ich später eher im Bereich Wirtschaft oder Technik arbeiten möchte, entschied ich mich für Wirtschaftsingenieurswesen. So hielt ich mir die Möglichkeit offen, den Schwerpunkt später selbst zu wählen. Im Verlaufe des Studiums – nach Veranstaltungen im technischen und wirtschaftlichen Bereich, stellt man schnell fest, dass viele praktische Fragestellungen Kompetenz in beiden Bereichen erfordern. Interdisziplinäre Arbeit hat mich während des Studiums am meisten interessiert. Meine Begeisterung ist seitdem ungebrochen. Bezüglich persönlicher Entscheidungen wie die Berufswahl, weiß man leider immer erst ob diese richtig waren, wenn man sich ausprobiert hat. Man darf natürlich keine Angst haben Fehlentscheidungen schnell und beherzt zu korrigieren, das gehört auch dazu. Ich hatte sicherlich auch etwas Glück, gleich ein Studium gewählt zu haben, dass mir liegt und Spaß macht.

Russland ist bekannt für seine Naturwissenschaftler und Mathematiker – wie kamen Sie in Kontakt mit Russland?

Meinen ersten halbjährigen Aufenthalt in Russland verbrachte ich im Rahmen des DAAD Programms „Russland in der Praxis“. Als Praktikant konnte ich die Abteilung Controlling/Finance/Reporting von Siemens in Moskau kennenlernen. Die Arbeit unterschied sich nicht sehr von einem Praktikum in Deutschland. Hätten sich nicht hin und wieder Kollegen auf Russisch unterhalten, wäre mir irgendwann kaum noch aufgefallen, dass ich nicht in Deutschland bin. Dieselbe Erfahrung mache ich auch in Skoltech. Vor meinem ersten Aufenthalt hatte ich keinen Bezug zu Russland – weder privat noch durch mein Studium. In der Schule entschied ich mich sogar für Französisch und gegen Russisch als zweite Fremdsprache. Wozu würde ich einmal Russisch brauchen? Weit gefehlt. Ich habe übrigens nie wieder ein Wort Französisch gesprochen. Damals fing ich dann auch an Russisch zu lernen. Mein Russisch reicht inzwischen, um problemlos den Alltag zu bewältigen. Da ich im Institut jedoch nur Englisch spreche, ist trotzdem weiterhin Disziplin notwendig, um am Ball zu bleiben. Das schwierigste ist für mich die Betonung der Wörter. Es gibt immer noch Situationen in denen ich mich wie ein absoluter Anfänger fühle. Entmutigen lasse ich mich nicht.

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Nun forschen Sie seit letztem Jahr am Skolkovo Institut in Moskau. Sie haben zwar Ihren ersten längeren Russlandaufenthalt bereits hinter sich, gab es dennoch Probleme bei der Eingewöhnung? Wie kamen Sie auf das Skolkovo Institut und wie gestaltete sich der Bewerbungsprozess?

In Russland zu promovieren, war definitiv auch eine dieser persönlichen Entscheidungen, deren „Richtigkeit“ sich erst bewerten lässt, nachdem man es ausprobiert hat. Meine Familie hat mich dabei sehr unterstützt. Außerdem bot mir mein damaliger Arbeitgeber an, dass ich sofort wiedereingestellt würde, sollte ich mich in den ersten 6 Monaten umentscheiden. Für diese Geste war ich ausgesprochen dankbar. Inzwischen bin ich nun schon fast 1,5 Jahre hier und habe die Entscheidung an keinem Punkt bereut.

Sich in einem neuen Land zurechtzufinden ist immer mit Herausforderungen verbunden. Dadurch, dass im Rahmen des ersten Aufenthaltes alle Teilnehmer sehr stark durch die lokalen Mitarbeiter des DAAD unterstützt wurden, ist nun ein bisschen mehr Eigenverantwortung gefragt. In Skoltech gibt es jedoch Abteilungen, die sich mit formalen Dingen wie Visafragen beschäftigen. Die Mitarbeiter stehen den Studenten bei Unklarheiten immer Frage und Antwort – ohne Nummern ziehen zu müssen. Eine der größten Hürden waren und sind die Behördengänge, die hin und wieder zu absolvieren sind. Das kann aber auch in Deutschland anstrengend sein und ist hier wie dort, positiv betrachtet, eine Möglichkeit sich in Geduld zu üben. Erfahren habe ich von dem Institut bei meinem ersten Aufenthalt in Russland. Ohne vorherige Russlanderfahrung hätte ich womöglich nicht von dem Institut gehört. Weiterhin wäre ich nie auf die Idee gekommen, längerfristig in Russland zu leben. Vor diesem Hintergrund spielen Auslandssemester eine wichtige Rolle. Der Bewerbungsprozess war sehr transparent und verlief exakt so, wie auf der Webseite des Instituts beschrieben. Das war eine sehr wichtige Bestätigung für mich. Es gab einige Momente, in denen ich kurz davor war in Berlin zu bleiben.

Ihre Dissertation über Energiesysteme. Was sind Ihre genauen Forschungsschwerpunkte und wie gestaltet sich Ihr Arbeitsalltag? Inwieweit unterscheidet sich die akademische Arbeit in Russland zu Ihrer Heimatuniversität?

Unserer Forschungsgruppe „Power Markets Analytics, Computer Science, and Optimization“ beschäftigt sich mit der Optimierung von Energiesystemen. Speziell arbeiten wir an Optimierungsverfahren und -modellen, die wir mithilfe von Programmiersprachen und/oder Programmen zur Lösung mathematischer Probleme implementieren und testen. Eine übliche Zielstellung ist beispielsweise das Minimieren von Erzeugungskosten. Zusätzlich zu solchen wirtschaftlichen Aspekten müssen jedoch technische Nebenbedingungen in die Modelle einfließen, um plausible Lösungen zu erhalten. Ich arbeite vor allem an Modellen mit ganzzahligen Variablen. Mit diesen können zum Beispiel binäre Entscheidungen modelliert werden. So kann ermittelt werden, ob ein Kraftwerk Strom produzieren sollte oder nicht. Dadurch, dass die akademische Arbeit sehr ergebnisorientiert ist, ist es wichtig sich seinen Alltag so gut es geht zu strukturieren. Ich komme morgens ins Institut, mache mir einen Kaffee, lese meine Emails und arbeite an meinen aktuellen Projekten. Dass ich jedoch hin und wieder Kurse belege, nach Deutschland fliege oder an einem Seminar bzw. einer Konferenz teilnehme, lässt mich von meiner Routine abweichen.

Der akademische Alltag unterscheidet sich leicht von dem, was in Deutschland üblich ist, dadurch dass das PhD-Programm nach amerikanischem Vorbild strukturiert wurde. Auch in Deutschland gibt es jedoch vermehrt Graduiertenkollegs, die PhD-Programme anbieten. Das PhD-Programm zeichnet sich durch einen Satz an Leistungen aus, welcher, in den 4 Jahren, von allen Doktoranden zu erbringen ist. Das schafft Vergleichbarkeit. Ein Beispiel sind Pflichtkurse. Im Fall von Skoltech sind dies unter anderem Englisch, Philosophie und Pädagogik an höheren Bildungseinrichtungen. Gerade in meinem ersten Jahr hatte dies den Vorteil, dass ich viele Doktoranden kennenlernen konnte – unabhängig von deren Fachbereich. Das dämpft die Landung erheblich. Außerdem ist beispielsweise ein Minimum an Veröffentlichungen zu publizieren, was jedoch auch in Deutschland gängig ist.

Die Forschungsarbeit unterscheidet sich jedoch nicht. Dadurch, dass Wissenschaft im technischen Bereich sehr international ist, sind Forschungsthemen und Methodik ähnlich. Eine wichtige Voraussetzung für meinen Aufenthalt war, dass ich an Themen arbeiten kann, die auch in Deutschland und international von Bedeutung sind. Diese Möglichkeit habe ich hier.

Der größte Unterschied zur TU Berlin ist die überschaubare Größe des Instituts in Bezug auf Angestellte, Studierende und Professoren. Dies ermöglicht ein sehr persönliches Miteinander, was irgendwie eine große Umstellung war. An der TU Berlin ist es beispielsweise unüblich, direkt mit einem Professor zu sprechen, wenn es Fragen gibt – außer kurz nach der Vorlesung. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich die Scheu verloren habe, direkt auf alle zuzugehen.

Neben der persönlichen Atmosphäre schätze ich die Lehrveranstaltungen, die auch von Doktoranden besucht werden können. Diese sind zwar immer sehr fordernd, bieten aber die Möglichkeit sich auf höchstem Niveau in ein neues Thema einzuarbeiten.

Wie hat sich Ihr Leben nach dem Beginn der Dissertation verändert? Welche Aspekte schätzen Sie an Russland und Moskau? Was vermissen Sie aus Deutschland?

Seitdem ich in Russland lebe höre ich definitiv mehr Deutschlandfunk und schaue regelmäßiger Nachrichten. Auch der Uni-Alltag unterscheidet sich merklich vom Alltag in einer Firma. Durch Regelungen wie Kernzeiten hat dieser automatisch eine Grundstruktur. Auch wenn ich versuche meinen Alltag möglichst gut zu strukturieren, funktioniert das nicht immer. Generell spielt daher Zeitmanagement für mich eine wichtigere Rolle. An Russland schätze ich die Hilfsbereitschaft sehr. Egal ob bei mir am Institut oder auf der Straße. Als ich 2016 das erste Mal in Moskau war, konnte ich noch kein Wort Russisch. Ich stieg eine Station zu früh aus dem Airport-Express aus. Ein junges Pärchen wurde unfreiwillig Zeuge von meinem kläglichen Versuch am Schalter nach dem Weg zu fragen. Da sie jedoch Englisch konnten, übersetzten sie und gaben mir, vollkommen selbstlos, den 60-minütigen Crashkurs „Metro für Anfänger“, während sie mit mir zu der Station fuhren, zu der ich musste. Auch die kulturelle Vielfalt schätze ich.  Ich habe bis jetzt leider nur Nizhny-Novgorod, Sankt Petersburg und Moskau erlebt, werde Russland aber noch weiter erkunden, wenn es das Zeitbudget hergibt.

An Deutschland vermisse ich natürlich meine Familie. Speziell in Moskau ist die größere Entfernung jedoch fast unerheblich, da der Flug von Moskau nach Berlin nur 2.5 Stunden dauert. Zwischen Städten innerhalb von Deutschland zu reisen, kann deutlich länger dauern – auch wenn die Bahn pünktlich kommt.

Aktuell befinden sich Deutschland und Russland im Themenjahr der Wissenschafts- und Hochschulkooperationen. Vor kurzem nahmen Sie an einer Veranstaltung zum Thema Karrierechancen zwischen unseren Ländern teil. Welche Vorteile bietet Russland? Wie bewerten Sie die Reputation deutscher Akademiker in Russland?

In Bezug auf die Karrierechancen denke ich, dass es in Deutschland als auch in Russland zukünftig weiterhin Möglichkeiten geben wird, sich professionell zu betätigen. Schon durch die geografische Nähe der Länder denke ich, dass Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft in der Zukunft – wie schon in der Vergangenheit – wichtig bleiben wird. Nach meinen Erfahrungen ist die Reputation von russischen Wissenschaftlern in Deutschland und deutschen Wissenschaftlern in Russland sehr gut – dies beruht auch auf einer langen Tradition.

Haben Sie bereits einen Karriereweg für die Zeit nach Ihrer Dissertation ins Auge gefasst? Können Sie sich vorstellen nach dem Abschluss in Russland zu bleiben?

Nein, ich habe sehr bewusst noch keine weiteren Pläne geschmiedet. Innerhalb von vier Jahren kann sich vieles, auch privat, verändern. Vor vier Jahren hätte ich beispielsweise kaum vorhersagen können, was ich heute machen würde. Ob ich nach dem PhD in der Forschung bleibe oder in die Wirtschaft gehe kann ich auch noch nicht sagen. Beides hat seinen Reiz. Aktuell kann ich nur mit absoluter Sicherheit sagen, dass mir das PhD-Programm großen Spaß macht und dass ich sehr froh bin diese Möglichkeit zu haben. Ja, ich könnte mir vorstellen in Russland zu bleiben – zumindest für ein paar weitere Jahre.


Der gebürtige Berliner Anton Hinneck an seinem Arbeitsplatz am Skolkovo Institue of Science and Technology
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