Russland und der Brexit – wird Großbritannien der neue, starke Handelspartner Russlands?

Russland und Großbritannien sind zunächst sehr unterschiedliche Staaten mit gänzlich anderen politischen Systemen.

von Jonas Prien, Ausserer & Consultants


Russland und Großbritannien gerieten auf diplomatischer Ebene zuletzt aneinander: nicht nur der Fall des Doppelagenten des MI6, Sergej Skripal, sondern auch die dubiosen Verwicklungen Russlands in den Ausgang der Brexit-Wahl erschweren das Verhältnis. Nun stehen beide Länder an der Peripherie der Europäischen Union und haben darüber hinaus einige Parallelen aufzuweisen. Was bedeutet dies für die Britisch-Russischen Beziehungen und ihren Handel?

Russland und Großbritannien sind zunächst sehr unterschiedliche Staaten mit gänzlich anderen politischen Systemen. Während in Großbritannien eine parlamentarische Monarchie mit einer lebendigen Debattenkultur herrscht, zeichnet sich Russland bekanntermaßen durch eine autoritäre, semi-demokratische Führung aus.

Unter ehemaligen Weltmächten

In ihren Beziehungen zu Europa haben sie allerdings einige Gemeinsamkeiten. Beide Länder betrachteten stets starke, europäische Hegemonien mit Argwohn. Trotz ihrer geistigen und räumlichen Distanz zogen sie während der Napoleonkriege und den beiden Weltkriegen als Verbündete ins Feld. Dennoch sehen sich beide Länder keineswegs als „europäisch“, sondern immer als etwas mehr. Diese doppelte Identität rührt nicht nur von der Lage an der Peripherie Europas her, sondern ist auch ein Ausdruck imperialistischer Vergangenheit. In Londons Straßen widerspiegelt sich noch heute der Ruhm vergangener Tage, als das Königreich mehr als ein Fünftel der Welt unterwarf und sich zum Empire erhob. London mag heute weiterhin eine bedeutende Metropole und ein Zentrum für Finanzen und Handel sein, aber die frühere Weltbedeutung hat die Stadt an der Themse nicht mehr. Selbiges gilt für Moskau. Während das Empire Großbritanniens vor allem Kolonien in Übersee zählte, umfasste das zaristische und kommunistische Russland eine gewaltige Landmasse von der Ostsee bis zum Pazifik. Einen leisen Wunsch diese Reiche wieder herzustellen, gehören zu den Fantasie von Nostalgikern und Ewiggestrigen. Dass die ehemaligen besetzen Gebiete aber weiterhin einen elementaren Bestandteil der außenpolitischen Interessen Russlands und Großbritanniens darstellen, ist nicht von der Hand zu weisen. Begriffe wie das „nahe Ausland“ prägen die Außenpolitik Russlands seit dem Untergang der Sowjetunion 1991. [1.]

Vielerorts wird über die Frage nachgedacht, wie es nun mit dem vollzogenen Brexit weitergehen wird. Die Lage scheint komplizierter denn je: ökonomische Talfahrt, aufgeheizte Stimmung, politische Zwickmühlen, schwierige Verhandlungen über Freihandelsabkommen und zahlreiche Identitätskonflikte in Irland und Schottland. Manch ein Analyst, wie der Gideon Rachmann von der Financial Times, vergleicht das post-Brexit Großbritannien schon mit dem postsowjetischen Russland. Das mag weit hergeholt klingen, doch gewisse Parallelen in der Politik und im angespannten sozialen Klima sind zu erkennen. Auch das derzeitige Verhältnis Großbritanniens zur Europäischen Union ist in einem kritischen Zustand, obwohl beide Seiten sich um diplomatische Umgangsformen bemühen.

Der Brexit als Turbo für den russisch-britischen Handel?

Kurzgesagt: Nein. Solches Wunschdenken ist nicht weit von den Nostalgikern des Empires entfernt. Aber der Reihe nach. Ökonomisch ist der Brexit ein Desaster für die Europäische Union und für Großbritannien, auch wenn der Schaden sehr ungleich im Land verteilt sein wird. Ausgerechnet die Brexit-Befürworter aus den sogenannten Midlands, einer Region im Norden Englands, welche durch die Industrialisierung und das produzierende Gewerbe geprägt wurde, könnten die größten Einbußen hinnehmen, während die Brexitgegner aus London davon am ehesten profitieren können.

Vieles hängt maßgeblich davon ab, wie die Handelsabkommen zwischen London und seinen weltweiten Partnern definiert werden. Großbritannien besitzt bereits eine Reihe von bilateralen EU-Abkommen, die nach dem Brexit automatisch weitergeführt werden. Dazu gehören Verträge mit der Schweiz, Norwegen und Island, Südafrika, Chile sowie mehrere Staaten aus der Karibik, Afrika, Ozeanien, Nahost und Südamerika. Allerdings umfassen diese ein Handelsvolumen von 104 Milliarden Pfund, also gerade einmal 8% des gesamten britischen Handelsvolumens in 2018. Eine der Kernaufgaben von Premierminister Johnson in diesem Jahr werden die Verhandlungen über eine ganze Reihe von Handelsabkommen mit Partnern auf der ganzen Welt sein. Bis zum Jahresende bleibt der Freihandel mit der EU als Transitionsperiode aber erstmal bestehen. [2.]

(Daten: Britisches Department for International Trade)

Wenn man die derzeitigen politischen Beziehungen zwischen London und Moskau außer Acht lässt und sich auf die ökonomischen Modelle konzentriert, ist ein großer Anstieg in den Handelsbeziehungen zwischen Russland und Großbritannien aufgrund der Entfernung weiterhin unwahrscheinlich. 2018 nahm das Volumen zwar geringfügig zu, trotzdem ist es mit 9,95 Milliarden Pfund (zum Vergleich: die Schweiz und Großbritannien haben ein Volumen von 32,4 Milliarden Pfund). Selbst mit einem (rein hypothetischen) Freihandelsabkommen zwischen Moskau und London dürfte es weiterhin attraktiver für britische Unternehmen sein, Waren nach Europa als nach Russland zu transportieren.

Der Brexit wirft bereits einen weiten Schatten. Die Europäische Union wird sich verändern (müssen), genauso wie Großbritannien sich ändern wird. Eine Verbesserung der Beziehungen zwischen London und Moskau oder gar einem deutlichen Anstieg des Handelsvolumens wird es dagegen nicht geben. Dass Russland oder auch die USA die EU als wichtigsten Handelspartner Großbritanniens ablösen, ist reine Träumerei.


1. https://www.ft.com/content/2057070e-f961-11e9-98fd-4d6c20050229

2. https://www.themoscowtimes.com/2020/02/05/why-brexit-wont-affect-eu-russia-relations-a69168

3. https://www.bbc.com/news/uk-47213842

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