Moskauer Gespräche: „Jugendarbeitlosigkeit und Altersarmut“ – was passiert mit Arbeit und Rente demografischen Wandel?

Dann fragte er Frau Oksana Sinyavskaya, die an der Moskauer „Higher School of Economics“ (HSE) im Zentrum für Sozialpolitik forscht, inwieweit das Thema Armut im Alter und Rente junge Menschen interessiere.

von Jonas Prien, Ausserer & Consultants


Am vergangenen Mittwoch fand das erste „Moskauer Gespräch“ dieses Jahres statt. Das Diskussionsforum stand dieses Mal unter dem Titel „Jugendarbeitslosigkeit und Altersarmut“ mit jeweils zwei Experten aus Russland und Deutschland und mit dem Moderator, Andreas Stopp, vom Deutschlandfunk. Schnell stellte sich heraus, dass das Thema Arbeit und Rente, sowohl viele Brücken zu den wichtigsten, derzeitigen Themen (Pflege, Fachkräfte, Industrie 4.0, Akademisierung, Digitalisierung, Demographischer Wandel usw.) schlägt, als in Deutschland und Russland diskutiert wird.

Andreas Stopp ging umgehend auf die Aktualität der Probleme ein, indem er das Publikum über die jüngsten Entwicklungen in Frankreich befragte, wo nach Kürzungen von Privilegien in der Rente Tausende Menschen auf die Straße gingen. Dann fragte er Frau Oksana Sinyavskaya, die an der Moskauer „Higher School of Economics“ (HSE) im Zentrum für Sozialpolitik forscht, inwieweit das Thema Armut im Alter und Rente junge Menschen interessiere. Es herrsche zwar eine große Ungleichheit zwischen den Generationen, doch die Unterschiede innerhalb einer Generation sei größer, antwortete Frau Sinyavskaya. Weiterhin sei das Thema Altersvorsorge bis zu einem gewissen Alter von etwa 40 Jahren kein Thema unter jungen Menschen. Es existiere aber eine gewisse Abstiegsangst, nämlich von der Mitte nach Unten. Diese werde immer mehr älter werdenden Menschen bewusst.

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(Fotos von Birger Schütz; Moskauer Deutsche Zeitung)

Herr Vladimir Gimpelson, Direktor des Zentrums für Arbeitsmarktforschung (ebenfalls HSE), erklärte, wie Renten in Russland berechnet werden würden. Dabei sei erkennbar, dass eine Staatsrente zwar gut zum Überleben reiche, aber nicht um gut zu leben. Ähnlich wie in Deutschland gebe es ein Punktesystem, welches nicht nur den eingezahlten Lohn, sondern auch die gesamten Beitragsjahre beinhalte. Vielen Gruppen, wie etwa ehemalige Beamten, Armeeoffiziere oder Lehrern, ginge es seit Jahren schlecht, während für die meisten Rentner das Auskommen „okay“ ist. Man müsse sich Gedanken darüber machen, wie die Rentenniveau zu steigern sei, um eine Altersarmut über Generationen zu verhindern.

In Deutschland sehe man ein ähnliches Bild, sagt Peter Hahn, Leiter der Abteilung Staat am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. 15% der Rentner seien heute bereits arm, hinzu komme die Generation der sogenannten Baby-Boomer, also der in den 50er und 60er Jahren geborenen Kinder, die in den kommenden Jahren in Rente ginge. Dies wiederum führe zu einem Missverhältnis zwischen Zahlern und Rentnern, wodurch Kürzungen nötig werden würden – die Folge: mehr arme Rentner.

Dass sich die Arbeit verändern wird, ist angesichts der großen globalen Trends (Digitalisierung, Automatisierung, Globalisierung, KI) keine Überraschung. Dennoch meint Manuela Barišić von der Bertelsmann-Stiftung, dass man Arbeit generell neu denken müsse und die Veränderungen derartig grundlegend seien.

Gerade durch arbeitslose Jugendliche entstehen z.B. in Südeuropa große soziale Spannungen. Wie können also gerade junge Menschen dieser Spirale entfliehen? Herr Hahn meint, dass der große Schlüssel den Erhalt von Arbeit und das Verhindern von Altersarmut vor allem Bildung sei. Dadurch können auch längeres Arbeiten erleichtert werden, da körperlich anstrengende Arbeiten lediglich bis zu einem gewissen Alter ausgeübt werden könnten.

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(Fotos von Birger Schütz; Moskauer Deutsche Zeitung)

Die Experten waren sich entgegen vorheriger „Moskauer Gespräche“ in vielerlei Punkten einig. So auch darin, dass populistische Forderungen, wie das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre zu erhöhen, viele neue Probleme mit sich bringe. Insbesondere der Verdienst in der Pflege der Eltern, Kindern und des Haushalts gehe oft auf die Mutter zurück und werde in der Analyse kaum beachtet. Daher könne eine Anhebung des Renteneintritts sich negativ auf die Pflege auswirken, welche wiederum eine Steuererhöhung und damit eine Ausbremsung der Wirtschaft mit sich bringen könnte. Letztlich bleibt, dass sich in diesem Punkt Russland und Deutschland vor einer gemeinsamen Problematik gegenüberstehen, welches durch Kooperation und den Austausch von Fachkräften gelöst oder zumindest eingegrenzt werden kann.

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