Der Schweizer Markt für Russische Unternehmen und Start-Ups: Chancen und Herausforderungen – 7 Fragen an Marianna Astakhova, Suisselle

Dieser Bereich wächst kontinuierlich. In unserem Sektor stehen Innovationen in Bezug auf Anti-Aging, Schönheit und dauerhafte Ergebnisse im Vordergrund.

von Nina Fois, Quorus GmbH


Marianna Astakhova, ursprünglich aus St. Petersburg, ist Geschäftsführerin von Suisselle. Vor sieben Jahre entschied sie sich in die Schweiz umzuziehen, um dort mit bereits anwesenden russischen Investoren eine Zusammenarbeit anzufangen. Vorher arbeitete sie im Finanzwesen in New York, USA und schloss das Diplom in Economics & Finance an der Columbia Universität ab. Die Entscheidung, in die Schweiz zu ziehen, um ein Unternehmen im Bereich der Medizintechnik zu gründen, wurde nicht zufällig getroffen, im Gegenteil, die Schweiz erwies sich als die beste Wahl unter ihren Nachbarn der Europäischen Union.

Fois: Suisselle hat sich auf Produkte für die Schönheitsmedizin und Kosmetologie spezialisiert. Aus welchen Gründen haben Sie die Schweiz als Geschäftsstandort gewählt, insbesondere im Hinblick auf andere attraktive Standorte in Europa und welche Schlüsselelemente des Schweizer Parketts haben bei Ihrer Entscheidung eine ausschlaggebende Rolle gespielt? Wie wichtig ist das Swiss Made im Bereich der Medizintechnik?

Bevor wir uns endgültig für die Schweiz entschieden haben, haben wir auch andere europäische Länder in Erwägung gezogen, die auch stark in der Schönheitsindustrie und der medizinischen Ästhetik sind. Frankreich und Deutschland waren unter diesen Ländern. Beim Besuch der Prospects hat sich aber herausgestellt, dass die Schweiz in diesem Bereich viel mehr als ihre Nachbarländer bietet. Letztendlich haben wir uns für die Schweiz aus folgenden Gründen entschieden:

1) Vereinfachte Bedingungen zur Gründung eines Unternehmens;

2) Unterstützung der Kantone vor Ort bei der Suche nach den richtigen Büros und dem richtigen Produktionszentrum, bei der Einstellung der richtigen Spezialisten, bei Buchhaltungs- und Steuererleichterungen und bei der Suche nach einem freundlichen Umfeld, um sich weiter erfolgreich entwickeln zu können;

3) Schweizer Marke – sie ist wie keine andere und im Ausland leichter zu verkaufen;

4) Erleichterung bei der Suche nach Spezialisten im medizinischen und ästhetischen Bereich sowie in vielen anderen Bereichen;

5) Gute Englisch Kenntnisse: in Frankreich und Deutschland erwies sich die Kommunikation mit englischsprachigen Fachexperten als problematisch;

6) Großartiges Steuersystem und Steuervergünstigungsmöglichkeiten für innovative Unternehmen;

7) Sichere Umgebung und einfache Anwerbung von Arbeitnehmern dank des hohen Lebensstandards und der guten kostenlose Bildung für die Kinder; 8) Höchste Qualitäts- und Sicherheitsstandards.

Suisselle befindet sich im Schweizer Technologiepark in Yverdon-les-Bains, Kanton Waadt. Welche Chancen und Herausforderungen musste Suisselle in der Gründungs-, Entwicklungs- und Etablierungsphase entgegentreten und bewältigen? Welche Rolle spielten der Kanton und die kantonalen Organisationen im Gründungsprozess und aus welchen Gründen waren diese Akteure für die Entwicklung von Suisselle wichtig?

Bildergebnis für suiselle

Wir haben den Y-Park mit Hilfe der Organisation DEV (Economic Develpment – Canton of Vaud) gefunden. Letztere ist eine Non-Profit-Organisation, die vom Kanton Waadt gesponsert ist und ausländische Unternehmen beim Aufbau ihrer Aktivitäten im Kanton betreut und unterstützt. Im Y-Park haben wir ein Produktionszentrum gebaut und Büroräume gemietet. Die Wahl war ziemlich einfach zu treffen, da es sich um einen brandneuen Komplex handelte und der Mietpreis sehr vernünftig war.
Die Herausforderung bestand darin, ein Labor mit einem sogenannten «white room» zu errichten und die Produktion von Russland in die Schweiz zu verlagern. Wir waren über gewisse europäische Standards nicht informiert und stützten uns zunächst auf einen unserer russischen Fachexperten. Ungefähr ein Jahr nach Beginn dieses Projekts mussten wir feststellen, dass unser russischer Spezialist – der eine leitende Position in einem russischen Schwesterunternehmen von Suisselle innehat und auch über Doktortitel und Zertifizierungen im Bereich Produktions-ISO und GMP verfügt – nicht genug kompetent war, um einen solchen Transfer durchzuführen. Das russische Unternehmen war in Sachen Technologie aus diesem Grund immer noch ein bisschen hinter den goldenen Schweizer Standards. Der Technologietransfer war also nicht so einfach, wie wir es uns vorgestellt hatten und wir mussten gute lokale Experten finden, um diesen Schritt abschließen zu können. In kurzer Zeit haben wir einen sehr guten Schweizer Spezialisten gefunden, der von seiner Arbeit begeistert war und ist und zum heutigen Zeitpunkt bereits seit über 7 Jahren für uns tätig ist. Er hat für uns sehr wichtige Projekte wie die ISO-Zertifizierung in Übereinstimmung mit ISO 13485 und die GMP-Zertifizierung für Kosmetika sowie die CE-Kennzeichnung für die Europäische Union abgeschlossen.
Auch in diesem Fall spielte der Kanton eine sehr wichtige Rolle bei der professionellen Beratung und der Unterstützung bei der Zusammenarbeit mit der Universität – es wurden alle notwendige Kontakte und Treffen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit organisiert.

Welche sind die wichtigsten Schritte für ein Start-up, um die Genehmigungen für die Medizinprodukte und für die Herstellung von Medizinprodukten in Übereinstimmung mit den hohen Schweizer Standards zu erhalten? Was würden Sie den russischen Neuankömmlingen in der Schweiz in dieser Hinsicht vorschlagen?

Mein Rat an den russischen Neuankömmling ist, bereit zu sein, die eigene Denkweise zu ändern, um die Schweizer Standards vollständig akzeptieren und verstehen zu können. Unser Qualitätsdirektor Stephane Gumy sagt unseren russischen Kollegen: „Qualität ist ein Geisteszustand. Man muss ihn fühlen “.

Was ich bei unseren russischen Kollegen bemerkt habe, ist, dass es eine Weile dauert, bis die europäische Arbeitsweise gemäß den Medizinprodukte-Richtlinien registriert und akzeptiert sind. Bei Medizinprodukten muss der vollständige Arbeitsablauf genau den Richtlinien entsprechen. In Russland bekommen die europäischen Richtlinien gerade erst das Momentum. Viele Spezialisten müssen sich mit diesen ersten noch vertraut machen. Außerdem habe ich festgestellt, dass man in Russland gerne die Hintertüre nutzt oder bestimmte Schritte umgeht und versucht das System zu überlisten – das ist nicht die Art und Weise, wie in der Schweiz gearbeitet wird. Die Leute folgen den Richtlinien und sind vorsichtig.

Welche Trends sehen Sie in der Zukunft der Medizintechnik? Welches sind die wichtigsten Herausforderungen für die Innovation in dieser Branche?

Dieser Bereich wächst kontinuierlich. In unserem Sektor stehen Innovationen in Bezug auf Anti-Aging, Schönheit und dauerhafte Ergebnisse im Vordergrund. Jeder möchte länger leben und jünger aussehen und Unternehmen wie Suisselle überlegen sich, wie sie diese Wünsche verwirklichen können können. Einige Unternehmen benutzen natürlichere Produkte, während andere chemische Produkte zum Einsatz bringen. Das Ziel ist und bleibt dasselbe: die Schönheit zu verlängern und den Alterungsprozess zu verzögern.
Die grössten Herausforderungen betreffen derzeit den Transit vom Medical Device Directive (MDD) zur Medical Devices Regulation (MDR), eine Richtlinie der Europäischen Kommission betreffend Medizinprodukte. Diese Richtlinie stellt eine große Herausforderung für alle Unternehmen in unserem Bereich dar. Die Anforderungen werden immer strenger und zwingen Unternehmen wie Suisselle mehr klinische Bewertungen und zusätzliche Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit durchzuführen.

Suisselle führt Projekte mit Schweizer, kanadischen und russischen Wissenschaftlern durch. Darüber hinaus ist Suisselle in Asien, Lateinamerika, dem Nahen Osten sowie Mittel- und Osteuropa tätig. Russland ist einer der wichtigsten Kunden von Suisselle. Tatsächlich verfügen Sie über ein Bildungs-, Herstellungs- und Vertriebszentrum in der russischen Föderation und organisieren sie in der Schweiz Bildungskursen für russische Wissenschaftler und Experten. Ist aus Ihrer Sicht eine engere Zusammenarbeit zwischen den Schweizer und russischen Technoparken in naher Zukunft machbar? Wie könnte eine solche Zusammenarbeit strukturiert und idealerweise aufgebaut werden? Wo sehen Sie die grössten Schwierigkeiten?

Suisselle verkauft ihre Produkte in mehr als 43 Ländern auf der ganzen Welt. Russland ist einer unserer Hauptkunden, das Land ist jedoch nicht nur ein Kunde für uns, sondern auch einen Partner. In der Tat arbeiten wir eng mit dem russischen Produktionszentrum zusammen. Für die Produktion in Moskau müssen wir halb-fertige Produkte (semi-finished products) erstellen, welche in der Produktion in Russland dann fertiggestellt werden können . Eine enge Zusammenarbeit ist wichtig, insbesondere weil wir das Wissen unserer russischen Kollegen erweitern wollen, um im Endeffekt besser und effizienter zusammenarbeiten zu können und somit auch bessere Skaleneffekte zu erzielen. Das Setup ist im Moment in Ordnung, in der Zukunft möchten wir aber mehr Struktur schaffen. Wir stehen noch immer vor der Herausforderung den Wissenstransfer zwischen unserem Schweizer Spezialisten und den russischen Experten zu optimieren. An dieser Herausforderung arbeiten wir, indem wir unter anderem auch einige russischsprachige Mitarbeiter in der Schweizer Firma einstellen um somit einen besseren Kommunikationsfluss zu gewährleisten. Das heißt, wir haben immer noch unseren Top-Spezialisten aus der Schweiz, der in der Kommunikation mit den russischen Kollegen von einem Junior-Spezialisten mit russischen Sprachkenntnissen unterstützt werden.
Ich habe festgestellt, dass viele Probleme auf Missverständnissen oder Kommunikationsbarrieren beruhen. Wenn man die Sprache nicht gut kennt, nimmt man nicht das Telefon, um die Kollegen anzurufen, sondern stützt sich auf Google-Übersetzer um zu kommunizieren. Das Ergebnis verliert sich somit leider in der Übersetzung. Um eine bessere Zusammenarbeit zwischen zwei Ländern und den Spezialisten zu erreichen muss diese Sprachbarriere überwunden werden.

Sie sind Geschäftsführerin eines typischen Schweizer KMUs. Welche sind Ihre langfristigen Ambitionen in Bezug auf Ihres Unternehmensmodells: haben Sie vor ein kleines Unternehmen zu behalten oder werden sie versuchen, Suisselle in einem grösseren Unternehmen zu entwickeln? Was ist Ihr bevorzugtes Geschäftsmodell auf längere Sicht?

Derzeit erzielen wir einen Jahresumsatz von unter 10 Millionen. Wir werden sicherlich weiter wachsen, aber wir werden ein kleines und mittleres Unternehmen bleiben. Im Moment haben wir keine unrealistisch großen Wachstumsambitionen.

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