Wie funktioniert die Wirtschaftsförderung zwischen Russland und der Schweiz? 7Fragen an Mauro Moretto und Danae Perez

Zu den Hauptsorgen gehören insbesondere die Sanktionen, die in der Schweiz leider weitere Vorbehalte gegenüber der wirtschaftlichen Kooperation mit Russland geschaffen haben.

von Nina Fois, Research, Marketing & Communications, QUORUS GmbH

Interview mit Mauro Moretto, Leiter der Handelskammer und Danae Perez, Leiterin Programme.

Das Swiss Russian Forum leistet seit 16 Jahren intensive Aufbauarbeit und hat sich dadurch einem hohen Bekanntheitsgrad, ein weitreichendes Netzwerk, sowohl in der Schweiz als auch Russland, und großes Vertrauen erarbeitet. Seit 2016 ist das Swiss Russian Forum auch als Handelskammer anerkannt. Dieser Vorstoß war die logische Konsequenz seiner Etablierung und wurde vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) unterstützt.


1. Das Swiss Russian Forum ist seit 2016 offiziell auch als Handelskammer anerkannt. Wie hat sich konkret seitdem Ihre Aktivität verändert? In welchen Bereichen sehen sie das vielversprechendste Entwicklungspotential?

Moretto: Im Wesentlichen haben sich unsere Aktivitäten dadurch nicht verändert. Die Handelskammer Schweiz-Russland ist lediglich ein Teil der Arbeit des Swiss Russian Forums, und die Mission der Stiftung geht über die Aktivitäten der Handelskammer hinaus. Sie ist dem Wissensaustausch zur Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz, Liechtenstein und Russland verpflichtet.

Wir sind in vielen Sektoren aktiv und sehen auch vielerorts Potential für die Zusammenarbeit. Zum Beispiel ist ein florierender russischer Gesundheitssektor interessant für die Schweiz, insbesondere für die Schweizer Pharma- und Medtech-Industrie, weil hier sehr viel zusammenhängt, wie Forschung, Versicherungen, Medizin-Tourismus etc. Sowohl Russland als auch die Schweiz würden hier von einer Vertiefung der Zusammenarbeit profitieren. Von großem Interesse für beide Länder ist auch die Forschungszusammenarbeit und Entwicklung im Energiesektor, im ICT-Bereich und bei technologischen Innovationen.

Swiss-Russian Forum | LinkedIn

2. Die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Russland / Länder der Eurasischen Wirtschaftsunion und der Schweiz / Europa ist einer der Eckpunkte Ihres Engagements. Welche konkrete Rolle spielt das Swiss Russian Forum, bzw. die Handelskammer in den bilateralen Beziehungen zwischen diesen Ländern? Wie setzen Sie den kulturellen, wirtschaftlichen und technologischen Austausch in die Praxis um?

Moretto: Das Swiss Russian Forum deckt die Länder der Eurasischen Wirtschaftsunion nicht ab. Der russische Wirtschaftsraum besitzt enorme Größe und Potential, so dass wir mit dieser Aufgabe durchaus ausgelastet sind. Wir pflegen vorwiegend den Austausch zwischen der Schweiz und Liechtenstein mit der Russischen Föderation. In Zeiten der internationalen Sanktionen sind wir uns aber unserer besonderen Position als Vermittler bewusst, und wir haben auch bereits das Europaparlament in Brüssel beraten.

Moretto: Unser Engagement hat in erster Linie den Wissensaustausch zum Zweck. Hierbei setzen wir auch einen Fokus auf den Einbezug der Schweizer und russischen kulturellen Werte, die sich in ihrer Verschiedenartigkeit gegenseitig bereichern können. Allerdings möchte ich betonen, dass wir uns nicht um den kulturellen Austausch im Sinne der Förderung kultureller Aktivitäten kümmern können. Das wäre nicht im Sinne unseres Stiftungszweckes. Wir unterstützen den Handel und die wirtschaftliche Zusammenarbeit, und insbesondere fördern wir den Wissenstransfer.

Perez: Wir bringen Experten, Investoren, sowie politische und wirtschaftliche Akteure an einen Tisch oder auf ein Podium und fördern den Austausch von Expertenwissen und Erfahrungen. Dies tun wir zum Beispiel an Anlässen wie dem St. Petersburg International Economic Forum, an dem wir jeweils Podiumsdiskussionen organisieren. Ein weiterer Rahmen bieten unsere Seminare und Business Table Discussions. Sehr beliebt sind auch unsere etablierten Matroschka-Gespräche, an denen Persönlichkeiten über hochaktuelle Themen mit Russland-Bezug berichten und diskutieren.

3. Das Swiss Russian Forum ist eine Anlaufstelle für Schweizer Unternehmen bei ihrem Weg nach Russland und umgekehrt für russische Unternehmen, die sich in der Schweiz etablieren wollen. Wie decken Sie als kleines Team alle Anliegen Ihrer Mitglieder und weiterer Interessenten ab? In welchen Sektoren sind Sie auf Experten besonders angewiesen? Welche Expertise und Attribute sollte ein Schweizer Partner bzw. ein russischer Partner haben, damit eine Zusammenarbeit für das Swiss Russian Forum von Interesse ist?

Moretto: Wir sind ein kleines Kern-Team, aber wir haben ein grosses Team an Mitarbeitern und Unterstützern, welche mehrheitlich ehrenamtlich für uns arbeiten und uns unterstützen, sowohl in der Schweiz als auch in Russland. Wir sind eine Stiftung, also eine non-profit Organisation. Unsere Hauptaufgabe ist das Vermitteln von Mitgliedern, Unternehmen, Experten und Institutionen für den erfolgreichen Wissensaustausch. Viele Anfragen können wir nicht selbst klären, sind aber meist in der Lage, direkt an die richtigen Spezialisten zu verweisen, oder andernfalls diese zu eruieren. Wir nehmen nur diejenigen Anfragen an, die dem Stiftungszweck und der Strategie entsprechen. Insbesondere bei rechtlichen Fragen und Problemstellungen verweisen wir an Juristen.

4. Das Jahr 2018 / 2019 wurde von zunehmenden Anfragen im Bereich Einfuhr von Schweizer Produkten in den russischen Markt, beziehungsweise von russischen Produkten in den Schweizer Markt, gekennzeichnet. Neue Zusammenarbeiten, sowie die Suche nach Investoren aus dem jeweils anderen Land, wurden ebenfalls vermehrt in Erwägung gezogen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen, QUORUS berät, unterstützt und begleitet einen Schweizer Weinproduzenten bei der Einführung seiner Produkte in den russischen Markt; das Projekt ist bereits sehr weit fortgeschritten und die ersten Exporte stehen kurz bevor. Kommen Ihnen in diesem Zusammenhang weitere «Erfolgsgeschichten» in den Sinn?

Moretto: Es gibt sehr viele Erfolgsgeschichten, welche ich nicht explizit benennen möchte. Das Swiss Russian Forum hat oft verschiedene Parteien an einen Tisch gebracht, politische Abkommen unterstützt, neue Bereiche erschlossen, und auch universitäre Zusammenarbeitsprojekte eingeleitet. Beispielsweise hat das Swiss Russian Forum die juristische Fakultät der Universität Zürich mit der juristischen Fakultät in Moskau verknüpft. Im Medizinbereich haben wir internationale Foren mit Akteuren aus Russland und der Schweiz organisiert.

5. Im Allgemeinen scheint aber das Interesse der russischen Unternehmen an der Schweiz als Standort dank dem ausgezeichneten Ruf der Schweiz unter anderem in Bereichen wie der hochentwickelten Medizin, Technologie und Bildung stärker zu sein als umgekehrt. Welches sind die am meisten verbreiteten Sorgen der Schweizer bezüglich Russlands? Mit welchen Anliegen beschäftigt sich das Swiss Russian Forum zurzeit am meistens und welches sind die anspruchsvollsten Anfragen und Bedürfnisse, mit welchen Sie in Ihrer Tätigkeit konfrontiert werden?

Moretto: Zu den Hauptsorgen gehören insbesondere die Sanktionen, die in der Schweiz leider weitere Vorbehalte gegenüber der wirtschaftlichen Kooperation mit Russland geschaffen haben. Das Interesse steigt zwar weiterhin, sicherlich aber nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit. Mit den Sanktionen und der einseitigen Informationspräsentation sind das Unbehagen und die Vorsicht wieder gewachsen. Aus diesem Grund haben wir die Matrioschka-Gespräche ins Leben gerufen, um den Dialog zwischen diesen beiden historisch sich nahestehenden Nationen wieder anzufachen. Die politische Diskussionsführung gleicht oft einem Seiltanz, und wir versuchen, den Fokus weg von der Politik hin zu wirtschaftlichen Themen zu lenken. Denn, während die politische Situation oft verfahren wirkt, bietet die wirtschaftliche und wissenschaftliche Kooperation immer sehr viele Möglichkeiten, welche für beide Nationen gewinnbringend sind.

6. 2010 wurde die Skolkovo-Stiftung ins Leben gerufen. Seitdem hat das Skolkovo-Innovationszentrum als Katalysator zur Diversifizierung der russischen Wirtschaft und zur Unterstützung von Unternehmen und Innovation gewirkt. Ist in ihren Augen in Zukunft eine engere Beziehung und Zusammenarbeit des Skolkovo-Innovationzentrums mit dem Technopark Zürich realisierbar?

Perez: Bereits bei der Konzipierung von Skolkovo hat das Swiss Russian Forum die Grundlage für die Zusammenarbeit mit dem Zürcher Technopark geschaffen. Zu unserem Bedauern hat der Zürcher Technopark seine Strategie inzwischen geändert und fokussiert sich vermehrt auf die eigene Region. Das Swiss Russian Forum arbeitet weiterhin stark mit dem Skolkovo-Innovationszentrum zusammen und ist sehr daran interessiert, den Wissensaustausch mit Schweizer Institutionen und Organisationen voran zu treiben. Wir organisieren regelmässig Delegationsreisen nach Skolkovo. Dieses Jahr ist eine Delegation in Zusammenarbeit mit QUORUS geplant, sowie eine Reise von Mitgliedern der Zürcher Kantonsregierung nach Moskau, welche unter Anderem den Technologiepark besichtigen wird.

7. Seit 10 Jahren organisiert das Swiss Russian Forum den Suvorov-Preis zur Unterstützung Schweizerisch-Russischer innovativer Projekte und Start-Ups. Wie ist der Suvorov-Preis ins Leben gerufen worden? Um welche Art von Projekten handelt es sich und auf welche Sektoren beziehen sich diese Projekte am häufigsten? Welche Erfolgsgeschichten haben aus dem Suvorov-Preis resultiert? Was wünschen Sie sich diesbezüglich für die kommenden 10 Jahre?

Perez: Der Suvorov-Preis wurde 2011 von unserer Ko-Präsidentin, Béatrice Lombard-Martin, ins Leben gerufen. Es ging um die Auszeichnung hervorragender und innovativer Ideen, sowie die Förderung junger Unternehmen. Mittlerweile ist der Suvorov-Preis etabliert und auch ein Referenzwert unter Start-Ups. Die eingereichten Projekte stammen aus verschiedenen Branchen, da die Innovation breit gefächert ist und alle Sektoren betrifft. Die meisten Einreichungen haben wir im Medizinal- und Pharmabereich, in der IT- und Fintech-Branche, sowie im Bereich sozialer Projekte, der Landwirtschaft und Umweltforschung. Für die nächsten Jahre planen wir, den Preis zu diversifizieren und die Preisvergabe auf mehrere, spezifische Sparten zu erweitern – angelehnt am Modell des Nobelpreises.

Like and share this post on social media:
Follow by Email
LinkedIn
Share