Interview: Russische Unternehmen und Start-Ups auf dem Schweizer Markt – Michael Donald, Gründer von ImageNPay 2/2

Das Interview führten Isabelle Ganz, Partner bei QUORUS GmbH und Nina Fois, Recherche, Marketing & Kommunikation.

Teil 2: Start-Up Standort Schweiz für russische Firmen

1. Aus welchen Gründen haben Sie die Schweiz als Standort für Ihren Hauptsitz gewählt, insbesondere im Hinblick auf andere attraktive Standorte in Europa? Welche Schlüsselelemente haben bei Ihrer Entscheidung für die Schweiz eine ausschlaggebende Rolle gespielt?

Es gibt eine Reihe von Gründen, warum wir uns für die Schweiz entschieden haben: Die geografisch zentrale Lage und die ausgezeichnete Verkehrsinfrastruktur, die starken Beziehungen, die das Land mit den wichtigen Märkten in der ganzen Welt unterhält sowie auch der gute Ruf der Regierungsspitze und der Zugang zu Family Offices. Nach vielen Recherchen hat sich die Schweiz außerdem als einer der besten Märkte herausgestellt, um einen zukünftigen Verkauf und Ausstieg durchzuführen.

Wir wollten auch sicherstellen, von jeglichen Auswirkungen von Brexit «isoliert» zu sein. In verschiedenen in Frage kommenden Jurisdiktionen wurde eine angemessene Rechts- und Compliance- Beratung eingeholt, um zu garantieren, dass es keine Unterbrechung des Geschäftsbetriebs geben würde. Die Schweiz konnte dies gewährleisten.

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2. ImageNPay wurde 2018 gegründet und hat seinen Sitz in Cham, Kanton Zug. Warum haben Sie sich für den Kanton Zug entschieden? Wurden auch andere Kantone in Betrachtung gezogen und wenn ja, welche und warum?

Ursprünglich wurde die Firma in Zürich gegründet und eingetragen, aber als wir unser Modell in den Bereichen Blockchain und Zahlungen weiterentwickelten, war der Kanton Zug die naheliegende Wahl. Die Start-up-Szene in Zug ist für einen so kleinen Kanton ungewöhnlich groß und bereits als Hub im wachsenden Technologiesektor bekannt. Ein Großteil unserer zukünftigen Plattform verfügt über eine Reihe von künstlicher Intelligenz- und Blockchain- Komponenten. Zug ist also als Nachbarkanton von Zürich, mit einem der größten Googles-Standorte der Welt, ideal.

Wir überprüfen regelmäßig Entwicklungen und Innovationen der anderen Schweizer Kantone und wollen dieses Wissen nutzen, um Unternehmen, mit denen wir in Märkten wie Russland zusammenarbeiten und Organisationen wie Skolkovo, auf die ich später eingehen werde, über diese Entwicklungen zu informieren.

3. Welche Chancen und Herausforderungen musste ImageNPay in der Gründungs-, Entwicklungs- und Etablierungsphase entgegentreten und bewältigen? Haben der Kanton und seine Wirtschaftsverbände in diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt?

Die Gründungsphase nach der ersten Investitionsrunde war sehr effizient. Mein Partner Marc Schlittler ist Schweizer und wohnt in Zürich, das hat für den Gründungsprozess eine enorme Rolle gespielt. Marc ist ein erfahrener Unternehmer und Inhaber einer erfolgreichen PR- und Marketingfirma. Weil ImageNPay stark auf den Medienbereich fokussiert ist, konnte er uns mit der Unterstützung einiger großen lokalen Unternehmen aus den Bereichen Buchhaltung und Rechtswesen problemlos durch die Prozesse und Rechtsfragen führen. Ohne Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten oder lokalen Geschäftspartnern würde ich dringend empfehlen, den Kanton prioritär zu kontaktieren.

4. Basierend auf den hohen Schweizer Standards was sind die wichtigsten Schritte, die ein Start-up Unternehmen berücksichtigen muss, um in der Schweiz Fuß zu fassen und sein Geschäft erfolgreich zu betreiben? Welche Rolle haben diesbezüglich Patente, Lizenzen, regulatorische Fragen sowie Fragen des Datenschutzes gespielt? Wie sind Sie an diese komplexen Fragen und Verfahren herangegangen? War der Kanton Zug in dieser Hinsicht unterstützend?

Unser Unternehmen wurde vom Anfang in der Schweiz als AG und in Großbritannien als Ltd. gegründet. In der Schweiz bieten private Institutionen viel Unterstützung für Start-ups, dasselbe gibt aber auch für die kantonale Regierung. Das war ein wichtiger Punkt. Die Gründung des Unternehmens selbst war eigentlich sehr einfach, in der Schweiz haben wir uns vor Ort von Anwälten und Schweizer Buchhaltungsfirmen beraten lassen und eine gute Governance für die Verwaltung der AG/Ltd. Struktur eingerichtet. Wir stellten der Bank, in diesem Fall der Credit Suisse, unser Geschäftsmodell vor, um Firmenkreditkarten zu erhalten, die uns bei unserem Spesenmanagement und Reiseprogramm unterstützen sollten.

Bei der Gründung muss unbedingt sichergestellt werden, dass die Struktur des Verwaltungsrates gut definiert ist und dass die Schlüsselpersonen über die erforderlichen Fähigkeiten für die Verwaltungsratspositionen verfügen. Nehmen Sie sich genügend Zeit, für Briefings für die Besetzung des Verwaltungsrates und die konkrete Verteilung der Aufgaben der Verwaltungsratsmitglieder. Obwohl ähnlich wie in Großbritannien, unterscheiden sich die Schweizer Anforderungen in diesem Zusammenhang in einzelnen Aspekten dennoch deutlich. Vergleicht man die Schweiz mit Russland sieht die Sache noch einmal ganz anders aus, die Anforderungen an den Verwaltungsrat in Russland können mit denen in der Schweiz nicht gleichgesetzt werden.

Die größte Herausforderung für ImageNPay in der Schweiz war die «Größe des Marktes» und der Mangel an großen lokalen Investoren. In Großbritannien standen die in der Schweiz fehlenden Elemente, Großinvestoren im Technologie- und Fintech Bereich und die damit verbundenen Skalierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Aus diesem Grund war die Wahl des Setups mit einer Schweizer AG und einer englischen Ltd. ideal auch für unser agiles Geschäftsmodel.

Die von uns entwickelten Patente wurden zunächst in Großbritannien und dann auf internationale Ebene unter Mitwirkung sowohl britischer als auch schweizerischer Patentanwälte angemeldet. In Bezug auf Datenschutz und Systemhosting mussten wir einen Ansatz anwenden, der allen internationalen Elementen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) entsprach und gleichzeitig die Vorteile der Zahlungsrichtlinie 2 (PSD2) miteinbezog.

5. Was würden Sie den russischen Neuankömmlingen in der Schweiz, insbesondere Technologie- und Fin-Tech- Start-ups, in dieser Hinsicht raten? Was sind die wichtigsten „Do’s and Don’t’s“ für Start-ups, die in der Schweiz Fuß fassen wollen?

Machen Sie Ihre Hausaufgaben und die Due-Diligence-Prüfung genauso, wie Sie es für jeden anderen Markt auch tun würden, in welchem Sie die Ansiedlung Ihres Unternehmens in Erwägung ziehen.

Russischen Unternehmen, die in die Schweiz kommen wollen, würde ich empfehlen, sich an die Abteilung für Geschäftsentwicklung der Schweizer Botschaft in Moskau zu wenden (Vermerk des Interviewers: SBH, https://www.eda.admin.ch/swiss-business-hub-russia, Kontakt: mos.sbhrussia@eda.admin.ch).

Ein guter Ausgangspunkt mit einem großen Netzwerk von Kontakten, und dem Knowhow, welches den Gründern ermöglicht sich gute Informationen aus erster Hand zu beschaffen.

Prüfen Sie, welcher Kanton für Ihr Unternehmen und die Art von Technologie/Fin-Tech, die Sie entwickeln möchten, am besten geeignet ist. Überprüfen Sie Ihre Präsentationen und Markendokumentationen mit Fachexperten des Schweizer Marktes, um sicherzustellen, dass die Schlüsseldynamik Ihres Projekts nicht in der Übersetzung verloren geht, sei es wegen der Wortwahl oder der Kultur. Ich habe viele großartige Plattformen in Russland gesehen, die leicht in der Schweiz und in ganz Europa hätten Fuß fassen können, den Einstieg jedoch nicht geschafft haben. Das Problem liegt nicht selten darin, dass der Gründer am Markennamen, der in Europa nicht übersetzt werden kann, festhalten will. Seien Sie bereit, gegebenenfalls ein Rebranding vorzunehmen und qualifizieren Sie dies nicht als Beleidigung, sondern als Chance.

Stellen Sie sicher, dass Ihre Software sowohl im Tech- als auch im Fintech-Bereich DSGVO-konform ist. Die Schweiz ist ein sehr stabiles, auf Vertrauen aufgebautes Land. Geschäfte zu machen, ist einfach und transparent. Alle Behörden sind sehr hilfsbereit. Die Zugänglichkeit und Hilfsbereitschaft der Schweizer Behörden, sollte keines Falls als verlockende Gelegenheit genutzt werden, um dürftige Dokumentation und undurchsichtige Finanzdaten zu liefern. Die Schweizer haben ein Auge für Details und je umfassender und konkreter die Daten und Informationen sind, desto reibungsloser wird der Prozess ablaufen. Stellen Sie sicher, dass den Behörden klar ist, wer Ihre Investoren sind und dass sie wissen, was in Russland Kontext sanktioniert ist und was nicht.

Besonders für Start-ups empfehle ich, mit Mittelsmännern und Maklern Vorsicht walten zu lassen. Nicht selten verlangen dieselben für potenzielle Kontakte und Gelegenheiten, die sich im Nachhinein als nicht zielführend erweisen, Vorschüsse oder Einführungsgebühren. Dies ist nicht notwendig, denn sowohl die Regierung (Bund) als auch die Kantone bieten viele Möglichkeiten, Rat und Beratung direkt von verschiedenen offiziellen Organisationen zu erhalten.

6. Beabsichtigen Sie, Ihr Geschäft zu skalieren? Wenn ja, wie groß ist die Bedeutung des Wirtschaftsstandortes Schweiz und was sind die Hauptvorteile, die die Schweiz für eine effektive Skalierung eines jungen innovativen Unternehmens bietet?

Wie bereits erwähnt, kann die Skalierung des Geschäfts innerhalb der Schweiz für unsere Art von Unternehmen eine Herausforderung sein, da die Bevölkerung nicht so groß ist wie diejenige eines Landes wie Großbritannien. Die Stabilität und Sicherheit, die die Schweiz einem im Innovationsbereich tätigen Jungunternehmen bietet, ermöglichen diesem jedoch eine effektive Skalierung außerhalb der Schweiz. Fonds der größeren Schweizer Banken sind für ein Unternehmen mit zukünftig hohen Einkünften und genuin innovativer Technologie zugänglich. Ich würde den Unternehmen und Unternehmern empfehlen, die Schweiz als Standort und Markt für die Ansiedlung des Hauptsitzes in Erwägung zu ziehen.


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Gründer von ImageNPay, Michael Donald
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