Deutschland und Russland 2020: Ansichten des russischen Botschafters

Wladimir Grinin erlebte in seiner achtjährigen Amtszeit als Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland viele Krisen auf politischer Ebene.

von Jonas Prien, Ausserer & Consultants


Feinfühlig, hochgebildet, eloquent und vor allem diskret – das sind die wichtigsten Charakteristika eines jeden Diplomaten, insbesondere in der Krise. Kaum einer vermag die Lage der gegenwärtigen Beziehungen besser einzuschätzen als jemand, der mehrere Dekaden elementarer Bestandteil der deutsch-russischen Beziehungen war: Botschafter a.D. Wladimir Michailowitsch Grinin.

In seinem vor kurzem erschienenen Buch „Meine Jahre in Berlin“ blickt der mittlerweile pensionierte Diplomat auf eine turbulente Zeit in unserer Hauptstadt zurück. Er steht damit in einer Reihe bedeutender Deutschlandkenner und Vorgänger im Amt des russischen Botschafters in der Bundesrepublik: Walentin Falin, Wladimir Semjonow, Juli Kwizinski und Wjatscheslaw Kotschemassow. Alle genannten Spitzendiplomaten fassten ihre Erfahrungen in umfassenden Werken zusammen, die von der ersten Annäherung zwischen Konrad Adenauer und Nikita Chruschtschow, über die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen im Zuge der Ostpolitik Willy Brandts bis zum Mauerfall 1989 und der neuen strategischen Partnerschaft unter Schröder und Putin erzählen.

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Obwohl diverse Krisen die bilaterale Beziehungen belasteten, sieht Botschafter W. Grinin eine große Offenheit für Dialog und Partnerschaft in der deutschen Bevölkerung.

Grinin selbst kam früh in Verbindung mit der BRD. Nach dem Studium des Internationalen Rechts am Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen (MGIMO) waren nicht nur seine juristischen Fähigkeiten gefragt, denn die russische Vertretung suchte vor allem deutschsprachige Experten. So wurde Grinin Diplomat in Bonn (1973-1980) und später auch in Berlin(1986-1992). Nach Stationen als Botschafter in Österreich, Finnland und Polen führte ihn seine letzte Stelle im Dienst an die Botschaft in Berlin.

Wichtige Lektionen hatte Grinin bereits in der Vorbereitung auf die neue Position gelernt, wobei ihm seine Vorgänger in ihren Analysen einen breiten Weg geebnet hatten. Zwei Analysen von Juli Kwanzinski faszinierten Grinin sehr und sollten ein Vorgriff auf das Bevorstehende Jahrzehnt sein: „Die Beziehungen Deutschlands zu Russland trugen niemals gleichmäßigen Charakter, es war ein ständiges Auf und Ab“ und „Man muss davon ausgehen, dass es in den deutsch-russischen Beziehungen nichts Unerschütterliches, Dauerhaftes, Endgültiges gibt“.  

Von der Modernisierungspartnerschaft zum „Kalten Frieden“

Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts sahen die Vorzeichen noch anders aus. Getragen von der politischen und persönlichen Freundschaft zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder von Präsident Wladimir Putin wurden wichtige Weichen für eine dauerhafte enge Beziehung zwischen Deutschland und Russland gestellt. Dazu gehörten gleichermaßen kleine, lokale Projekte in der Zivilbevölkerung und Milliardeninvestitionen in die Wirtschaft im Zuge der Modernisierungspartnerschaft. Grinin erwähnt vor allem die visionären Gedankenspiele zur Visafreiheit und zum gemeinsamen Wirtschaftsraum zwischen Lissabon und Wladiwostok.

Rückblickend gibt es nur wenige Ereignisse, die zur derzeitigen verhärteten Lage zwischen Deutschland und der EU mit Russland führten. Grinin führt dabei insbesondere die Kritik der schwarz-gelben Koalition an der Wiederwahl Putins im März 2012 auf. Weiterhin kritisierte die Regierung das Vorgehen Russlands gegen die Punkrockband „Pussy Riot“, die Menschenrechtssituation im Nordkaukasus im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi.

Die folgenschwerste Entwicklung zeichnete sich aber in Kiew ab, wo nach der Ablehnung des EU-Assoziierungsabkommens durch den ukrainischen Präsidenten Janukowitsch im Herbst 2013 eine pro-europäische Bewegung auf dem Maidan entstand. Grinin vertritt hier die offizielle russische Sicht auf die Situation, wonach ua. europäische und amerikanische Organisationen Stimmung gegen Russland und die Regierung Kiews anheizten, um die Ukraine näher an die EU und an die NATO zu bringen. Nach dem coup d’état gegen Janukowitsch wurde in der Autonomen Republik Krim (ARK) am 27. Februar 2014 ein Referendum abgehalten, in dem sich 96,77% der Wähler bei einer Beteiligung von 83,10% für einen Beitritt zur Russischen Föderation aussprachen. Dieser Vorgang wurde seitens der EU und den USA als völkerrechtswidrige Annexion angesehen und bildete zusammen mit dem Vorwurf der hybriden Kriegsführung Russlands im Osten der Ukraine die Grundlage für die Sanktionen in Form von Einfuhrbeschränkungen, Einreisestopps gegen Regierungseliten und Restriktionen gegen russische Konzerne.

In Folge der nächsten Jahre wurde die Sanktionsschraube enger gedreht, obwohl das Thema Russlandsanktionen aus Grinins Sicht in den Hintergrund der öffentlichen Debatte geraten war und der Abhörskandal der NSA und die Flüchtlingswelle von 2015 die Schlagzeilen beherrschten. Die Geschehnisse auf der Krim belasten die politischen Beziehungen bis heute. Ohne Umschweife oder gar Verschönungen beginnt Grinin sein Buch mit den Worten „Wir durchleben eine schwierige Zeit“.

Kooperation abseits des Mainstreams

Trotz der gegenwärtigen politischen Meinungsunterschiede gibt es viele Indizien auf wirtschaftlicher, kultureller und ziviler Ebene, die gegen ein Abdriften in einen kalten Frieden zwischen Russland und Deutschland sprechen. In seiner Position als Botschafter in Berlin lernte Wladimir Grinin die Tiefe der deutsch-russischen Beziehungen kennen. Dazu gehört das breite Netz in Kunst und Kultur zwischen beiden Ländern. Grinin schwärmt von Institutionen, wie Tschechow-Gesellschaft, dem Zwetajewa-Zentrum und dem Turgenjew-Haus in Baden-Baden.

Gleichermaßen lobt Grinin die tatkräftige Unterstützung der Wirtschaftsverbände zwischen Deutschland und Russland, insbesondere die der deutsch-russischen Auslandshandelskammer (AHK) unter der langjährigen Leiterin, Andrea von Knoop, und dem derzeitigen Vorsitzenden, Matthias Schepp, und Ostausschuss der deutschen Wirtschaft unter Klaus Mangold. Grinin vergleicht die Wirtschaft mit Wasser, das sich so oder so seinen Weg sucht. Daher bedeutet die Wirtschaft für ihn neben zivilgesellschaftliche Projekte, politischem Austausch und persönlicher Verbindungen eine bedeutende Säule der Beziehungen.

Wladimir Grinin erlebte in seiner achtjährigen Amtszeit als Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland viele Krisen auf politischer Ebene. Sein Fazit über die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland fällt gleichermaßen optimistisch, wie mahnend aus. Er sieht die Zusammenarbeit durch die gewaltige Breite von Projekten langfristig krisenresistent, dennoch muss der Frieden immer wieder neu geschaffen werden. In den Worten Immanuel Kants könne ewiger Frieden möglich sein, aber er sei kein natürlicher Zustand, sondern entstünde aus den gemeinsamen, vernunftgeleiteten Maximen. Grinin wünscht sich daher abschließend eine Rückbesinnung auf Kants Lehren und damit einen ewigen Frieden in Kooperation zwischen Deutschland und Russland.

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